Himmel - kein Ort, sondern erfülltes Leben

Christi Himmelfahrt<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kath-arbon.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>265</div><div class='bid' style='display:none;'>19244</div><div class='usr' style='display:none;'>85</div>

Gedanken zum Fest Christi Himmelfahrt

Zwischen Ostern und Pfingsten liegt noch ein anderes wichtiges Fest im Kirchenjahr: Christi Himmelfahrt. Auch wer mit den kirchlichen Festtagen nicht vertraut ist, wird bei diesem Fest ohne Zögern sagen: «Da ist Jesus in den Himmel aufgefahren.»
Wenn ein Kind dann fragen würde: «Wie ist denn der Jesus in den Himmel hinaufgeflogen, mit einem Flugzeug oder einer Rakete?», dann sind wir schnell am Ende der Weisheit. Weil das nirgends in der Bibel aufgeschrieben steht, da heisst es nur: «Und während Jesus sie segnete, verliess er sie und wurde zum Himmel emporgehoben.» (Lk 24,51). So wie die Wundertaten Jesu nicht wissenschaftlich zu erklären sind, so können wir uns auch die Himmelfahrt nicht technisch vorstellen; es muss die Aussage genügen, dass Jesus nicht mehr bei den Jüngern war und ihnen nicht mehr erschienen ist. Biblisch ist die Himmel-fahrt auch schwach begründet. Nur der Evangelist Lukas berichtet von diesem Ereignis, alle anderen Evangelien haben einen anderen Abschluss. Noch ausführlicher nimmt Lukas die Himmelfahrt in seinem zweiten Buch auf, in der Apostelgeschichte. «Als Jesus das gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken» (Apg 1,9). Darum war die Himmelfahrt Jesu in der urchristlichen Zeit auch kein eigenes Fest, die 50 Tage von Ostern bis Pfingsten waren damals eine geschlossene Festzeit. Erst seit dem 4. Jahrhundert wurde am 40. Tag nach Ostern ein eigenes Fest Christi Himmelfahrt gefeiert. Die symbolische Zahl 40 lehnt sich an andere Heilsereignisse an: 40 Wüstenjahre Israels, 40 Fasttage Jesu.

Himmelsvorstellung in antiker Zeit
Eine Auffahrt in den Himmel war keine spezifisch christliche Vorstellung, auch andere Grössen der Antike wie Herakles, Alexander der Grosse, Kaiser Augustus und andere sollen in den Himmel aufgenommen worden sein. Dass der Himmel nach dem irdischen Tod das Ziel war, hat mit dem damaligen Weltbild zu tun. Dieses war in drei Stockwerke gegliedert: Ganz unten war die Unterwelt, sie war der Ort des Bösen, die Hölle. Auf grossen Säulen, die im Urwasser der Unterwelt ruhen, stand im zweiten Stock die Erde, der Ort des Menschen. Und darüber wölbte sich der Himmel, der Ort des Guten, die Wohnung Gottes. Darum war es logisch, dass Jesus sich von der Erde nach oben, in den Himmel emporheben musste, denn dort war er bei seinem Vater. Diese Deutung kam auch in den Farben zum Ausdruck: Der Himmel war blau, wie wir ihn bei klarem Wetter sehen; Erde und Unterwelt dagegen hatten düstere dunkle Farben, die auf all die Gefahren und Strafen des Lebens hinweisen sollten. Im Mittelalter hatten die Maler schon genauere Kenntnisse und Deutungen, sie malten den Himmel nicht blau und oben, sondern als goldenen Hintergrund und meinten damit: Der Himmel ist der tragende Grund der Menschen und der Welt, er umgibt uns, so wie auch Gott uns nahe ist. Und heute ist allen Menschen klar, dass mit dem biblischen Himmel nicht eine wissenschaftliche Theorie gemeint ist, die sich messen und beweisen lässt. Die englische Sprache hat darum zwei Ausdrücke für Himmel: «Sky» bezeichnet den Himmelsraum, der durchflogen und erforscht werden kann, ein Fall für die Wissenschaft. «Heaven» hingegen meint den Himmel als Ort des Glücks und des Friedens, dort, wo der Mensch alles Gute und Schöne erfahren kann.

Der Himmel des Glaubens
Wenn der Himmel das Ziel des Menschen sein soll, dann muss er die Grenzen dieser Welt mit all seinen Lebensmöglichkeiten überschreiten. In oberflächlichen Redewendungen kommt das Wort immer wieder vor: «Der Himmel hängt voller Geigen» oder «Ist das nicht himmlisch?» - selbst da ist die Ahnung oder Hoffnung auf ein erfülltes Leben voller Glück noch irgendwie spürbar. Aber als Glaubende suchen wir nicht schwärmerisch irgendein Wunderland, sondern den Himmel des christlichen Glaubens. So müssen wir uns zuerst von falschen Vorstellungen befreien. So ist der Himmel kein Ort über den Wolken, weit entfernt von uns Menschen. Er ist auch nicht das Jenseits, ausserhalb der Welt. Himmel meint überhaupt keinen Ort, sondern eine neue Seinsweise. Es wird uns von Gott ein neues Leben geschenkt, das die Grenzen von Zeit und Raum überwunden hat und das uns zum letzten Grund und Geheimnis des Lebens führt. Dann, in diesem neuen Sein, ist alles geklärt, wir werden alles verstehen, es wird uns alles abgenommen, was uns belastet hat in der irdischen Existenz. In einem Satz zusammengefasst: Himmel ist die Erfüllung und Vollendung unseres Lebens im Reich Gottes.

Vom Ziel her leben
Der Gedanke der Himmelfahrt lenkt unseren Blick auf unsere letzte Bestimmung, den Himmel. Die irdischen Geschäfte werden einmal beendet sein, dann versinkt unser Leben nicht im Nebel und wird für immer vergessen sein. Wer auf das letzte Ziel vertraut, findet eine andere Einstellung zum Leben. Er ist nicht von der Angst gejagt, etwas zu verpassen oder zu wenig zu haben. Besitz und Erfolg und Gesundheit haben nicht mehr den höchsten Stellenwert, viele Dinge dieser Welt relativieren sich. Wer das letzte Ziel schon im Herzen trägt, kann gelassener mit allem umgehen, was ihm auf dem Lebensweg zugemutet wird. Jesus hat die Schwelle des Todes überschritten, er ist jetzt der Christus des Himmels. Als Christus ist er immer bei uns und in uns. So ändert das Fest Himmelfahrt unsere Blickrichtung: Wir schauen vom Ziel her auf die Wegstrecke, die uns noch davon trennt. Das ist eine grosse Befreiung, die Selbstbehauptung steht nicht mehr im Zentrum, wir suchen vielmehr das, was uns erst wahrhaft Menschen werden lässt. Und es ist auch eine starke Ermutigung: Wir kennen die Richtung und werden die Kraft finden, mit dem Christus des Himmels den Weg bis zum Ziel zu gehen.

Matthias Rupper
Bereitgestellt: 12.05.2020     Besuche: 56 Monat  
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