Ankommen in der Normalität

Editorial<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kath-arbon.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>265</div><div class='bid' style='display:none;'>19249</div><div class='usr' style='display:none;'>85</div>

Wenn Sie diese Zeilen lesen, sind wir alle – hoffentlich – zu einem ähnlich grossen Teil, wieder in der Normalität angekommen; und die «zweite Welle» hat nicht zu wieder notwendigen, drastischeren Massnahmen geführt.
Ich weiss nicht, wie es Ihnen gegangen ist, in dieser so besonderen Zeit. Hier und da habe ich das Wort «Coronaferien» immer wieder mal gehört. Allerdings bin ich mir inzwischen nicht sicher, ob überhaupt jemand das so empfunden hat. Im ersten Moment des Lockdowns hatte ich gedacht: Wenn jetzt keine Veranstaltungen mehr durchgeführt werden, dann wäre jetzt Zeit, mehr zu lesen, sich mit grundsätzlichen Fragen auseinanderzusetzen und in die Zukunft zu planen. Allerdings habe ich sehr schnell gemerkt, dass das eine Fehleinschätzung war. Wenn ich mich so umhöre, merke ich, dass es den meisten so gegangen ist. Bei vielen ist durch die Notwendigkeit, neue, kreative Lösungen in der Krise zu finden, die Arbeitsbelastung stark gestiegen. Wer Kinder zuhause hat, hat bei aller Freude über die Familie gemerkt, dass diese Zeit auch hier alles andere, als eine Ferienzeit war. Diejenigen, die in Kurzarbeit gehen und
um ihre Stelle oder einen Ausbildungsplatz bangen mussten oder noch müssen, sind wohl auch nicht in Ferienlaune. Und selbst diejenigen unter uns, die ihren wohlverdienten Ruhestand geniessen… Ich bin mir nicht sicher, ob sie in dieser Isolationszeit von Ferien sprechen würden. Ferien – sind das nicht eher die Momente, in denen wir durchatmen und mit den Menschen Kontakt haben, die uns wichtig sind und mit denen wir gerne Zeit verbringen? Ich hoffe – und bete – dass diese Zeit nach dem Lockdown in diesem Sinn im Vergleich zu vorher eher eine Ferienzeit ist. Eine Zeit, in der wir weiter gut aufeinander Acht geben und nicht auf ähnlich hohem Leistungsniveau weiter machen, wie vor und vor allem auch in der Krise. Eine Zeit, in der wir unsere Sozialkontakte hoch schätzen und der Begegnung untereinander (in der Form, wie es im weiteren Verlauf gut und sinnvoll ist) einen wichtigen Stellenwert in unserem Leben einräumen.

Beziehungen verstehen und pflegen
Und was lernen wir als Pfarrei, als Kirche? Uns ist wieder einmal deutlich vor Augen geführt worden, wie wichtig Beziehungen sind. Zu glauben heisst ja, mit Gott in Beziehung zu stehen und aus dieser Beziehung zu leben. Das Schöne ist, dass wir glauben können, dass Gott immer da ist und zuhört – egal wo wir gerade sind und er nicht von unserer Seite weicht. Und wir sind froh, dass wir in den letzten Wochen, wenigstens über das Internet verbunden, diese Beziehung zu Gott sonntags miteinander feiern konnten. Doch so, wie es etwas anderes ist, seine Enkel zu umarmen, als nur mit ihnen per Video zu telefonieren, so gilt das auch für das Gottesdienstfeiern. Schön, wenn dies real inzwischen wieder möglich ist – wenn auch mit Auflagen. Die Beziehungen untereinander – so glaube ich – sind aber mindestens genauso wichtig. Wir glauben nicht als Einzelpersonen, sondern als Gemeinschaft. Es sind vielleicht gerade Ihre Erfahrungen von Gott, die jemand anderem Mut gemacht haben. Es war die Sorge von jemandem, die Sie hat spüren lassen, dass Gott an Sie denkt. Und es sind auch unsere Gewissheiten und Zweifel, unsere Hoffnung oder unsere Freude, die zum richtigen Zeitpunkt und über eine gewisse Zeit hinweg jemand anderen den Weg zum Glauben führen kann. Oft sind wir es, ganz persönlich, durch die sich Gott in diese Welt in die Herzen anderer bahnt. Und nicht selten sind wir es, durch die Gott unser Gegenüber an die Hand nehmen möchte. Versuchen wir miteinander also unsere Beziehungen zu Altbekannten oder neuen Begegnungen in diesem Sinn zu verstehen: als Weggemeinschaft, in die Gott selbst hineinwachsen will. Denn das Schönste ist ja: Wir müssen Gott nicht zu den Menschen bringen. Er ist schon da – überall. Aber oft braucht es eine befreundete und vertraute Person, die hilft – langsam und behutsam – diese Gegenwart Gottes dann auch zu entdecken. Und nicht selten sind es am Ende beide, die so beschenkt und bereichert werden. Eigentlich müssen wir für solche Geschenke gar nichts tun. Wir müssen niemanden bekehren oder überreden. Wir müssen nur offen sein für die Menschen, denen wir begegnen. Wir müssen nur Zeit verbringen miteinander und Beziehungen pflegen. Denn so entstehen ja Freundschaften – auch solche zu Gott.

Tobias Zierof
Bereitgestellt: 29.05.2020      
aktualisiert mit kirchenweb.ch