Genügsam leben

Editorial<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kath-arbon.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>936</div><div class='bid' style='display:none;'>19457</div><div class='usr' style='display:none;'>153</div>

Die Fastenzeit bricht mit dem Aschermittwoch wieder an – die 40-tägige Vorbereitungszeit auf Ostern.
An vielen Menschen auch in unseren Pfarreien geht die Fastenzeit spurlos vorbei, weil sie den Sinn und die kirchlichen Bräuche nicht mehr kennen. Das muss man nicht gross beklagen, vieles andere an Tradition ist auch in Vergessenheit geraten. Die von früher gewohnten Formen des Fastens sind zwar immer noch sinnvoll: Wir verzichten auf Genussmittel wie Alkohol, Tabak, Süssigkeiten, schränken den Fleischkonsum ein und halten uns auch zurück in den öffentlichen Angeboten wie Tanzen, Restaurantbesuch und Festivitäten. Viele von diesen Vorsätzen sind in unserer Gesellschaft aber auch sonst aktuell: Das Fasten ist Trend geworden, garantiert einen gut geformten Körper, erhöht die sportliche Leistungsfähigkeit und verschafft ein besseres Selbstbewusstsein.

Wieviel ist genug
Im Zusammenhang mit der Corona-Situation haben sich viele von uns auch Gedanken machen müssen, die uns eigentlich nicht sehr sympathisch sind. Viele sind gezwungen sich einzuschränken, nicht aus eigenem Entscheid und innerer Überzeugung, sondern weil es die aktuelle Lage erfordert. Es ist nicht alles möglich und erlaubt, was sonst zu unserem gewohnten Leben gehört. Das mag auf den ersten Blick nur ein Eingriff in unsere normalen Lebensgewohnheiten sein, hat aber auch grundsätzliche Gedanken an die Oberfläche gebracht, die sinnvoll sind und die Menschen zu einer anderen Lebenseinstellung führen könnten. Denn in unserer westlichen Kultur und Wirtschaft gilt immer noch der Grundsatz: Mehr ist besser. Wer mehr verdient, kann sich mehr leisten. Untersuchungen haben gezeigt, dass es hier Grenzen gibt. Schon 1974 hat eine Studie ergeben, dass entwickelte Länder zwar immer reicher werden, dass ihre Bevölkerung aber kaum zufriedener wird dadurch. Was viele Menschen antreibt, ist das Streben, mehr als andere zu haben, obwohl der entsprechende Konsum sie gar nicht glücklicher macht. So hat die unfreiwillige Einschränkung auch beim einzelnen Menschen zu Einsichten geführt: Mehr ist nicht immer besser, und ich kann auch mit etwas weniger zufrieden sein.

Ein einfaches Leben
Was ist das rechte Mass für unser Leben? Diese Frage hat die Menschen zu allen Zeiten umgetrieben. Für die griechischen Philosophen war die Fähigkeit des Masshaltens Voraussetzung für ein gutes und gelingendes Leben. Mässigung und Genügsamkeit spielen in allen fünf grossen Weltreligionen eine entscheidende Rolle. Buddha hat schon vor 2500 Jahren eingesehen, dass menschliches Leid meistens in der Gier die wesentliche Ursache hat. Auf dem spirituellen Weg gilt ein massloses Verhalten als grosses Hindernis. Zu den vier Kardinaltugenden gehört neben der Klugheit, der Gerechtigkeit und der Tapferkeit auch die Genügsamkeit. Doch gehört das Masshalten nicht zu den ersten Zielen in unserer Gesellschaft. Denn damit verbinden viele einen moralischen Zwang, der an die Askese des frühen Mönchtums erinnert. Damals hatte der von der Kirche verordnete Verzicht einen negativen Beigeschmack, weil er seine Wurzel oft in einer ausgesprochenen Leibfeindlichkeit hatte. So sind moralische Appelle kaum geeignet, Menschen zum Masshalten zu bewegen. Was weiterführt sind Erfahrungen, die der Mensch mit sich selber macht und zwar in allen Dimensionen: körperlich, geistig und seelisch. Denn zu verzichten und genügsam zu leben, das ist dem Menschen nicht in die Wiege gelegt, das muss er erlernen. Schon Kindern sollte aufgezeigt werden, dass nicht immer alles gewünscht werden kann und dann sofort zur Verfügung steht. Dass ein Leben ohne Verzicht nicht sinnvoll ist, das ist zuerst eine schmerzliche Erfahrung, die dann aber zu einer inneren Freiheit führt: Ich messe mich selber nicht an dem, was ich besitze und ich lasse mich nicht vom Zwang nach noch Mehr treiben, denn ich erfahre mich auch immer als Beschenkter. Der Theologe Gotthard Fuchs beschreibt dieses Freiwerden so: «Je mehr einer aus einem grösseren Vertrauen lebt und aus der Gewissheit, beschenkt zu sein, desto mehr kann er verzichten. Je mehr wir aus der Erfahrung leben, dass für uns gesorgt ist und genug da ist, desto mehr entspannt sich das.»

Beschenkt und geliebt
Das Fasten, wie es auch die Kirche lange Zeit vermittelt hat, baute auf menschlichen Leistungen auf und rückte damit in die Nähe einer falsch verstandenen Werkgerechtigkeit: Wenn ich faste und verzichte, dann wird Gott mich beschützen und mich bewahren vor Unglück und Leid. Ohne das religiöse Kleid gibt es in unserer Gesellschaft eine entsprechende Entwicklung: Der Mensch arbeitet hart an sich, um seine Mängel zu beheben und das Selbstwertgefühl zu steigern. Selbstoptimierung ist das Zauberwort; aber dieses zwanghafte Optimieren macht den Menschen nicht glücklicher. Denn was wir als Menschen wert sind, hängt nicht davon ab, wie perfekt wir sind. In der Fastenzeit wird darum unser Blick auf die Grundsituation des menschlichen Lebens gelenkt: Wir sind von Gott mit dem Leben beschenkt und müssen unsere Identität nicht durch noch so viele Leistungen verdienen. Damit sind wir auch entlastet von der Sorge, dass wir zu kurz kommen, weil wir darauf vertrauen, dass Gott um unsere Bedürfnisse weiss. Die Heilige Theresa von Avila fasst es in drei Worten zusammen: «Solo Dios basta» - Gott allein genügt. In dieser Freiheit kann ich dann auch überlegen, was ich wirklich zum Leben brauche und wie ich auch meinen Mitmenschen nützen kann. Wie kann ich solidarisch leben, und wie können wir unseren Konsum so regeln, damit unsere Welt eine gute Zukunft hat? Um diese grossen Fragen geht es in der Fastenzeit. Ich wünsche uns allen die Einsicht und den Mut, um zu dieser inneren Freiheit zu gelangen und daraus unser Leben zu gestalten.
Matthias Rupper
Bereitgestellt: 28.01.2021     Besuche: 48 Monat  
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