… mit Evelyne Jung

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Heute zu Gast ist eine Person, die man als Teil des Pfarreiteams nicht so häufig wahrnimmt. Sie hat aber eine ganz entscheidende Funktion, und wir sind sehr dankbar, dass wir auf sie zählen dürfen. Herzlich willkommen Evelyne Jung.
Für alle, die dich nicht so gut kennen, stelle
dich doch kurz vor.
Evelyne Jung: Ich bin seit über 20 Jahren in
Arbon wohnhaft. Vor ein paar Jahren wurde ich,damals noch von Beda Baumgartner,
angefragt,ob ich in der Pfarrei mitwirken möchte.
Ich komme aus dem sozialen Bereich, habe
Krankenschwester gelernt und arbeitete viele
Jahre in der Stadtverwaltung Arbon. Diese
Stelle hat mich interessiert und ich habe mich
für diese caritativen Aufgaben beworben.

Du hast von sozial-caritativen Aufgaben gesprochen.
Diese erfüllst du für uns von Pfarreiseite
her. Immer wieder melden sich Menschen, die
Unterstützung brauchen. Diese schicken wir
meist zu dir. Aber was genau machst du da?

E.J.: Es kommen viele Hilferufe an mich und
meistens geht es ums Finanzielle. Das Geld
allein ist aber nicht immer der Verursacher. Es
stecken auch viele andere Nöte dahinter. Viele
Menschen kommen mit dem Alltag nicht mehr
klar. Oft ist eine schnelle Hilfe und eine kurzfristige
finanzielle Unterstützung wie ein Einkauf
oder Zahlungen für Strom, Krankenkasse
oder ähnliches nötig. Danach vertieft man das
Gespräch mit der betroffenen Person und klärt,
warum es überhaupt so weit gekommen ist
und was in die Situation geführt hat. Dies ist
eine meiner Hauptaufgaben.

Es geht also nicht darum, jemandem an der
Tür schnell Geld zu geben, was ja nicht sinnvoll
ist und langfristig nicht hilft. Wie viele Leute
begleitest du in etwa?

E.J.: Zurzeit begleite ich wöchentlich im Schnitt
drei Personen oder Haushalte. Das sind ungefähr
2-3 Stunden pro Woche.

Wie unterstützst du?
E.J.: Ich frage nach, wo der Grund liegt. Warum
es zu dieser Situation gekommen ist. Oft
antworte ich, dass ich momentan nicht helfen
kann, dass ich aber die Lage abkläre. Es gibt
aber Situationen, in denen nicht mal mehr Geld
für ein Brot, Windeln oder andere lebensnotwendige
Dinge vorhanden ist. Dann muss man
schnell reagieren, und ich gebe für diese Notfälle
einen Migros-Gutschein ab. Bewusst von
Migros, da dort kein Alkohol verkauft wird. Das
Abklären der Gründe ist deshalb sehr wichtig.
Ich gebe nicht einfach Geld. Ebenfalls wichtig
ist der Kontakt zur Behörde. Ich habe einen
guten Draht zu diesen Stellen, und dieser
Austausch ist ebenfalls wesentlich.

Für jemand, der arbeitet und so ein geregeltes
Einkommen hat, ist es manchmal unvorstellbar,
wie schlagartig kein Geld mehr da sein
kann. Was sind die Gründe dafür, dass Menschen
bei dir vorbeikommen?

E.J.: Die meisten Gründe sind die Arbeitslosigkeit
oder Schwierigkeiten, die richtigen Kontakte
zu den Ämtern zu finden. Mir begegnen
alleinstehende Frauen wie Männer mit Kindern,
die überfordert sind und denen alles über den
Kopf wächst. Es gibt aber auch andere, welche
sich früher alles geleistet, Kredite aufgenommen
haben und irgendwann nicht mehr zahlungsfähig
sind. In solchen Fällen berate ich
mit einer Budgetberatung, um langfristig helfen
zu können. So kann es auch positive Verläufe
geben und man kann die Leute aus den Schulden
hinausbegleiten.

Das heisst, dein Angebot beginnt bei spontaner
finanzieller Hilfe in Notsituationen über Budgetberatung
wie auch Begleitung zu den Ämtern.
Was fällt da sonst noch an?

E.J.: Ja, das stimmt. Das sind auch die zentralsten
Punkte, die oft mehrere Stunden in
Anspruch nehmen. Aber was noch von grösserer
Bedeutung ist, ist das Zuhören der Menschen,
von Teenagern bis Senioren.
Manchmal fordern die Leute nur und wollen die
Lage ausnützen, aber das sind eher wenige.
Dafür habe ich auch kein Verständnis, und die
Lebenserfahrung bringt auch viel Menschenkenntnis
mit sich. Es kann auch vorkommen,
dass ich die Leute in spezielle Geschäfte zum
Einkaufen begleite und mit ihnen zusammen
einkaufe.

Erfährst du Dankbarkeit? Wissen die Menschen
deinen Einsatz zu schätzen?

E.J.: Ja, in diesem Moment sicher. Man darf
jedoch keine Gegenleistung erwarten. Aber es
gibt immer wieder Überraschungsmomente.
Manchmal erhalte ich spontan Geld von Leuten,
das ich so wieder gut sozial einsetzen
kann. Das ist sehr schön. Oder an Weihnachten
habe ich eine Tasche mit Geschenken
bekommen, welche ich einer Familie weiterreichen
durfte. Diese waren so dankbar und
freuten sich sehr.

Momentan befinden wir uns in einer besonderen
Zeit. Merkst du, dass Corona mehr neue
Not schafft? Kommen mehr Menschen zu dir
oder verändern sich die Situation oder die
Probleme?

E.J.: Es kommen sicher mehr Menschen. Aber
die Verunsicherung ist grösser und Zukunftsängste
sind da. Viele haben keine grossen
Chancen wieder in den Arbeitsalltag einzusteigen.
So gibt es kein Geld oder sie werden ausgesteuert.
Zum Glück ist mein Beziehungsnetz
gross, und ich bekomme viel Unterstützung
von der Stadt Arbon, der Kirche, von Freunden
und Bekannten. Alle helfen mit.

Du hast ein grosses Netz an Leuten, die helfen.
Auch unsere Pfarrei. Unsere Antoniuskasse ist
ja da für soziale Anliegen und Pfarreibedürfnisse,
die sich aus den Spenden von Leuten
generiert. Wenn du unseren Lesern noch gerne
etwas mitteilen möchtest, was du dir wünschst,
was wäre das?

E.J.: Ich wünsche mir, dass die Leute mehr
Rücksicht aufeinander nehmen, ihren Nachbarn
nicht vergessen und auch mal zuhören
können. Nicht jemanden verurteilen, der in
eine schwierige oder schlechte Situation
geraten ist. Das ist für mich wichtig – Hilfe
anbieten, wo man kann, oder vielleicht auch
mal selber auf etwas verzichten.

Vielen Dank, dass du bereit warst fürs Interview
und wir wünschen dir alles Gute. Du übernimmst
einen wichtigen Teil unserer Diakoniearbeit in
unserer Pfarrei. Du hilfst, dass Menschen wieder
zurück ins Leben finden. Dafür sind wir dir
und all den Menschen, die dich dabei unterstützen,
sehr dankbar und schätzen deine ehrenamtliche
Arbeit sehr, welche du in deiner Freizeit
für uns machst. – Helfen macht glücklich!


Interview: Tobias Zierof
Bereitgestellt: 20.04.2021     Besuche: 71 Monat  
aktualisiert mit kirchenweb.ch