Hans Küng – Theologe der Welt und Kirchenkritiker

Wenn ich mein Büchergestell mit den theologischen Büchern durchgehe, dann komme ich an einem Namen nicht vorbei: Hans Küng. Ich habe nicht alle seine Bücher gekauft und auch nicht gelesen, aber uns ältere Theologen hat in den 70er-Jahren und auch nachher kaum ein theologischer Lehrer so beeindruckt wie Hans Küng.
Es ist für uns darum etwas seltsam, wenn junge Theologen heute fragen: Hans Küng – müsste man den kennen? Am Dienstag nach Ostern ist er mit 93 Jahren in Tübingen gestorben. Küng war Schweizer aus Sursee, stammte aus einer einfachen Familie. Nach den Studien in Rom und Paris war er als junger Professor am Konzil in Rom dabei (1962–65) und blühte da sichtbar auf: Endlich Bewegung in einer erstarrten Kirche, endlich ein Papst (Johannes XXIII.), der sich nicht hinter den Vatikanmauern verschanzte, sondern die Fenster zur Welt weit öffnete; endlich eine Theologie, die nicht weltfern und nur bewahrend war, sondern intellektuell spannend und herausfordernd! Diese Erfahrungen nahm Küng in seine Professorentätigkeit in Tübingen mit und
wagte sich schnell an Themen, die konfliktträchtig waren.

Keine Denkverbote
In seinem Buch «Die Kirche» (1967) machte er auf alles aufmerksam, was in der Kirche reformbedürftig war. Von protestantischer Seite bekam er Lob, innerkirchlich war er da schon verdächtig. «Ecclesia semper reformanda » (Die Kirche muss sich immer wieder erneuern): Küng bekannte sich offen zu diesem Leitspruch der Reformation. Endgültig ins Visier der päpstlichen Glaubenskongregation gelangte er mit dem Buch «Unfehlbar? Eine Anfrage» (1970). Damit war sein Image als Kirchen- und Papstkritiker fest verankert, kirchentreue Katholiken haben ihn darauf festgenagelt und dieses Bild nie wieder überprüft. Dass es in der Papstgeschichte Vertreter gab, die grosse Fehler begangen hatten, wird heute niemand mehr bestreiten, damals war das noch nicht diskutierbar. Auch später, als er sich schon grösseren Themen zugewandt hatte, war sein Interesse an der katholischen Kirche immer noch vorhanden. «Ist die Kirche noch zu retten?» – so fragte Küng noch 2011 im Zusammenhang mit dem Missbrauchsskandal in seiner Kirche. Und er hat nicht wie seine Kritiker hofften geantwortet, sondern überzeugt gesagt: Ja, trotz allem, aber nur unter der Bedingung, dass in der Kirche nach der Botschaft Jesu gelebt wird. Dann würde die Kirche auch in der Gesellschaft als prophetische Stimme gehört werden. Aber das war ein Blick aus der Ferne, denn nach dem Entzug der Lehrerlaubnis als katholischer Theologe 1979 haben sich keine Bischöfe und nur wenige Professoren für ihn eingesetzt. So musste er allmählich einsehen: Die katholische Kirche ist nicht reformierbar, jedenfalls nicht innert kurzer Zeit. Rehabilitiert wurde er nie, ein Gespräch mit seinem Professorenfreund Ratzinger und späteren Papst Benedikt und ein brüderlicher Gruss von Papst Franziskus waren das einzige – das hat Küng tief gekränkt.

Die richtigen Themen
Warum war und ist Küng so vielen Christen, nicht nur katholischen, noch heute ein Begriff? Weil er die wichtigen und brennenden Glaubensfragen erkannte und in einer verständlichen Sprache unter die Menschen brachte. In den zwei umfangreichen Büchern «Christsein» und «Existiert Gott?» nahm er die Fragen und Zweifel heutiger Menschen auf und gab Antworten, die sie verstanden. Beide Bücher wurden internationale Bestseller. Und verschiedene katholische Christen standen zu ihrer Überzeugung: «Wegen Küng bleibe ich noch in der Kirche.» Nach seinem Rauswurf aus der katholischen Theologie hat sich Küng aber nicht wehleidig zurückgezogen, sondern weitsichtig erkannt, dass diese innerkirchlichen Probleme ja keine Antworten bieten auf die grossen Fragen der Menschheit. So nahm er sich zuerst der Oekumene an, der von Jesus geforderten Einheit der Christen, um dann den noch wichtigeren interreligiösen
Dialog anzustossen. In «Christentum und Weltreligionen» (1984) ging er auf die trennenden Merkmale der Religionen ein, aber ebenso sehr fragte er nach dem gemeinsamen Glaubensgut. Denn auf den vielen Reisen in die verschiedensten Erdteile hatte Küng erkannt, dass Religion in der modernen Gesellschaft nicht einfach absterben würde, sondern für grosse Massen von Menschen und Völkern nach wie vor eine prägende Rolle spielte. Er war überzeugt, dass dem Frieden in der Politik zuerst der Friede unter den Religionen vorausgehen müsse. Der Dialog unter den Weltreligionen sollte den Weg dazu bereiten.

Kirche und Welt
So gründete er die Stiftung «Weltethos» in der festen Überzeugung, dass alle Weltreligionen ein positives Verhältnis zur modernen Welt finden, wenn sie sich auf die gemeinsamen ethischen Wurzeln besinnen. Für diese Aufgabe knüpfte Küng Kontakte nicht nur unter Kirchenleuten, sondern mit Menschen in Kultur, Wirtschaft und Politik, die ihrerseits eine grosse Verantwortung für den Gang der Welt hatten. Ein herausragendes Zeichen dieser Bemühungen war 2001 die Einladung von Küng zu einer Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York, was sonst nur Päpsten zugestanden wurde. Dabei war er sich durchaus bewusst, dass Religionen auch zu Hass und Gewalt anstacheln können, dass es aber umso wichtiger war, das Friedenspotenzial in den Religionen sichtbar zu machen. Der Grundgedanke und die Stiftung von Weltethos ist das bleibende Vermächtnis von Küng an die Nachwelt.Wir dürfen durchaus stolz sein, dass ein Schweizer Theologe der Welt einen guten Weg im Friedensprozess unter den Völkern und Kulturen aufzeigen konnte. Wenn man das Leben und Wirken von Hans Küng richtig einordnen will, so greift die Bezeichnung katholischer Theologe zu kurz, er ist vielmehr zu einem Theologen der Welt geworden. Seine «Heimat», das Christentum, hat er am Schluss nicht mehr in erster Linie unter dem kirchlichen Aspekt betrachtet. Er kann sich den christlichen Glauben auch ohne Kirche vorstellen, einfach als Lebenshaltung, die sich an der Person und der Botschaft Jesu orientiert. So denken auch viele Christen in verschiedenen Kirchen; das macht die Kirchen nicht überflüssig, aber es soll ein Stachel in ihrem Fleisch bleiben, dass sie die richtigen Fragen stellen und menschengemässe Antworten finden. – Hans Küng hatte ein sanftes Sterben, am 6. April ist er aus seinem Mittagsschlaf nicht mehr erwacht. Wir dürfen dankbar sein für das Werk und das Wirken von Hans Küng; wahrscheinlich wird man lange nicht mehr eine so überzeugende Person im Raum der katholischen Theologie
sehen.

Matthias Rupper
Bereitgestellt: 28.05.2021     Besuche: 43 Monat  
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