Was brauchen wir zum Glücklichsein?

Editorial (Foto: Silvia Crescenza-Utz)

In der letzten Zeit haben sich verschiedene Artikel mit der Frage beschäftigt, was der Mensch zum Glücklichsein braucht. Das hat sicher auch mit der Pandemiesituation zu tun, die uns wieder bewusst gemacht hat, dass Glück nicht selbstverständlich und keine Ware ist, die man kaufen kann. In diesem Zusammenhang gab es auch wissenschaftliche Untersuchungen, die nicht alles erklären, aber doch wichtige Hinweise geben.
Macht Geld glücklich?
Im Volksmund heisst es «Geld macht nicht glücklich». Das stimmt nur zum Teil: Eine finanzielle stabile Lage ist ein wesentlicher Bestandteil für Glück, Menschen mit einem geringen Einkommen sind im Durchschnitt weniger glücklich. Aber ab einem gewissen Einkommen hört das auf, man wird nicht glücklicher. Dann sind andere Faktoren viel wichtiger: Unser persönliches Umfeld gibt uns mit, was materielle Werte nicht können: Vertrauen und Geborgenheit. Wer sich auf die nächsten Menschen in der Familie, an der Arbeitsstelle, im Verein und Dorf, in der Pfarrei verlassen kann, hat einen guten Boden, der ihn trägt.

Gesundheit
In der gegenwärtigen Situation ist oft zu hören: Gesundheit ist das Wichtigste. Das trifft in gesundheitlich schwierigen Situationen zu, aber wenn diese überwunden sind, werden andere Ziele wieder wichtiger. Doch wer kranke Menschen in seiner Umgebung erlebt, wird bestätigen, dass Gesundsein eine grosse Rolle im Leben spielt. Wir müssten all jene befragen, die täglich unter chronischen Schmerzen leiden, sie können es beurteilen. Der andere Krankheitsteil, die psychischen Leiden, wird in unserer Gesellschaft oft nicht richtig wahrgenommen und auch wenig akzeptiert. Es gibt zwar gute Therapiemethoden, die Kehrseite ist, dass psychisch Kranken die Teilnahme am normalen Leben nicht genügend gewährt wird.

Arbeit
Während langen Jahren war Arbeitslosigkeit in der Schweiz ein Fremdwort; wer keine Arbeit hatte, hat sich nicht genügend darum bemüht oder hatte eine andere Lebenseinstellung. Auch in der Schweiz gibt es in letzter Zeit Arbeitslose, die nicht selbst schuld sind an ihrer Situation. Das hat einen grossen Einfluss auf das persönliche Wohlbefinden; wer seine Arbeitsstelle verliert, wird wesentlich unglücklicher, weil man sich überflüssig vorkommt und nicht mehr im gleichen Mass am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann. Und der Vergleich mit den Beschäftigten im Umfeld macht die Not nur noch grösser.

Familie
Jugendliche erleben die Pandemie als grosse Einschränkung; sie können sich nicht mit Gleichaltrigen treffen, weder im Ausgang noch bei sportlichen Aktivitäten. Die Zahl der Jugendlichen, die psychologische Betreuung brauchen, hat sprunghaft zugenommen. Dass Eltern mit Kindern besonders glücklich sind, stimmt mit der Realität leider nicht immer überein, denn die Anforderungen der Kinderbetreuung sind sehr hoch, und es bleibt dann wenig Zeit für das Gespräch miteinander. Erst wenn die Kinder ausgeflogen sind, sind Kinder wieder ein Glücksfaktor, mehr noch: Eltern sind dann stolz auf ihre Kinder.

Blick aufs Ganze
Grundsätzlich wichtig für das Glücksempfinden ist eine Struktur im Alltag, unabhängig vom Lebensalter. Tage ohne einen Plan sind langweilig und machen auf die Dauer unglücklich. Ebenso spielt der Medienkonsum eine massgebende Rolle: Wer sich zu oft im Internet aufhält, zu viele Nachrichten konsumiert, wird unglücklich, weil dieses Verhalten zu einer Manie werden kann. Welche Merkmale entscheidend sind, lässt sich an der internationalen Rangliste abmessen: Die Skandinavier – Schweden, Finnen und Dänen – sind die glücklichsten Länder, weil sie über solide politische Verhältnisse und gute soziale Betreuung verfügen. Die Italiener, für uns oft frohe und strahlende Gesichter, sind weniger glücklich, weil die Lebensbedingungen in Italien für viele beschwerlich sind.

Heimat und Glaube
Was nicht zur Sprache gekommen ist: Am 1. August ist unser Nationalfeiertag. Die Heimat ist ein wichtiger Anlass für das Glücksempfinden. Wir dürfen froh und dankbar sein, dass wir in einem freien und sicheren Land leben, sozial gut versorgt. Aber das Gemeinschaftsgefühl hat gelitten, oft ist das Land in wichtigen Fragen gespalten. Solange wir immer wieder gute Kompromisse finden, brauchen wir uns nicht übermässig zu sorgen, doch braucht es den guten Willen von allen Seiten. Auch der Glaube ist ein persönlich wichtiger Wert im menschlichen Leben, aber nicht messbar. Oft wird der Glaube einseitig ausgelegt und verstanden: Er soll uns in Not und Leid, in Ängsten und Trauer, Kraft und Vertrauen geben; die Freude am Leben und an den vielen glücklichen Momenten unseres Lebens kommt vielfach zu kurz. Dass wir in Freiheit an einen menschenfreundlichen Gott glauben können, ist unverdientes Glück, für das wir dankbar sein dürfen. Lesen wir wieder einmal im Buch der Psalmen jene Texte, die Gott loben und danken für alle Gaben des Lebens:

«Gott, deine Güte reicht, soweit der Himmel ist, und deine Wahrheit, soweit die Wolken gehen.
Wie die Berge feststehen über den Tälern, steht deine Gerechtigkeit fest über der Welt.
Wie das Meer unendlich sich breitet, so ohne Grenzen ist deine Macht.
Wie kostbar ist deine Güte, o Gott.
Bei dir finden wir Menschenkinder Schutz. Wir werden satt von den reichen Gütern, die
die Erde darreicht, und du tränkst uns mit Wonne wie mit einem Strom.
Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht.»


Matthias Rupper
Bereitgestellt: 29.07.2021      
aktualisiert mit kirchenweb.ch