Kommen Sie gut bei sich an? – Vom Sinn des Reisens

Was hat uns gefehlt in der Pandemie-Phase? Vieles, und ganz sicher auch das Reisen. Da denken wir nicht zuerst an Geschäftsreisen, sondern an unsere freie Zeit, an unsere Ferien.
Natürlich kann man sich fragen, ob die vielen Flugreisen an unbekannte Strände ohne Bezug zu Land und Kultur wirklich sinnvoll sind. Ich höre aber die kritischen Stimmen: «Wird mir jetzt auch noch vorgeschrieben, wo und wie ich die Ferien verbringen soll?»

Sehnsucht
Fragen wir darum nach den positiven Gründen, die Menschen auf Reisen bringen. Reisen ist die «Sehnsucht nach dem Unendlichen», schrieb schon um 1800 der Dichter Friedrich Schlegel. Die Neugier, die Welt zu entdecken, hat die Menschen schon immer angetrieben; nur so wurden auch unbekannte Teile der Erde gefunden und besiedelt. Die weite Reise muss es nicht immer sein; bei den beschränkten Möglichkeiten in der letzten Zeit haben viele Schweizer die Vielfalt und Schönheit ihres eigenen Landes entdeckt. Und es ist zu hoffen, dass sie diese entspannte Art des Reisens in der Nähe als unverhofften Gewinn erfahren haben. Denn der Druck, dass die weite Reise unbedingt gelingen muss, fällt dann weg.

Nicht die Information, sondern das Du
Erfüllt kehren wir von einer Reise zurück, wenn wir eine andere Umgebung, andere Menschen, andere Kulturen nicht als Konsumenten, sondern als Begegnung erfahren haben. Der Philosoph Martin Buber hat schon 1923 in seinem wegweisenden Buch «Ich und Du» den tiefen Sinn von Begegnung beschrieben und darin ausgeführt, dass der interesselose Tourist die Welt zwar erfährt, aber sie geht ihn nichts an. Sie ist ein Gegenstand, aber kein Gegenüber, kein Du, dem er sich tiefer verbunden fühlt. Dazu braucht es Zeit und Musse. Der Aufklärer Jean-Jaques Rousseau hat zu seiner Zeit den Rat erteilt: «Wer ans Ziel kommen will, kann mit der Postkutsche reisen, aber wer richtig reisen will, soll zu Fuss gehen!» Der Jakobsweg ist zwar für heutige Menschen in Mode gekommen, aber diese Wanderer, ob sie diesen Weg nun aus Abenteuerlust, als Ausstieg aus dem immer gleichen Alltag oder als Pilgerweg angetreten haben, können von Begegnungen berichten, mit unbekannten Menschen, mit einer Landschaft, die sie unter den Füssen gespürt haben, mit den Lebensbedingungen, die sie nicht gekannt haben. Gutes Reisen ist eine Konversation, die dann möglich ist, wenn wir verweilen, innehalten, nicht möglichst viel, sondern das Wenige, das sich vor uns auftut, bewusst und intensiv aufnehmen.

Eine Theologie des Reisens
Reisen hat auch eine religiöse Dimension. Bei den grossen Männern der Religionen können wir den Wert des Reisens, des Aufbrechens ins Ungewisse erkennen. Abraham bricht auf, nicht aus Not, nur mit der Zusage, dass Gott ihm und seiner Sippe ein neues Land zeigen wird, wo sie sicher und geborgen leben können. Jesus ist nur in seinem Land gewandert, hat nicht grosse Abenteuer gesucht, aber sich den vielen Menschen zugewandt, die sehnsüchtig auf einen Menschen gewartet haben, der ihnen eine Hoffnung in ihr armseliges Leben gebracht hat. Sein Weg zu den Menschen war Begegnung, Gespräch, Beziehung, die dauerhaft war und ihnen den Sinn ihres Lebens erschlossen hat. Buddha, der Fürstensohn, eingeschlossen in seinem Königsschloss, wollte das wirkliche Leben kennenlernen: einem Armen begegnen, einem Kranken, einem Fremden. So ist seine Religion gewachsen: nicht sich selbst genügen, sondern mit Geduld und mit Stille den Weg zu seiner Seele und zur Tiefe des Lebens finden. Theologisch gesehen, handelt der Sinn des Reisens vom Aufbruch ins Ungewisse, vom Wunsch, dass sich Neues auftut, dass nicht alles so kommen muss, wie es geplant war. Und damit bei sich selbst anzukommen. Reisen soll Erholung sein, aber darüber hinaus auch eine Form der Sinnstiftung. So ist die Überschrift zu verstehen: «Kommen Sie gut bei sich an». Ich wünsche uns allen ein gutes Reisen, jede und jeder auf seinem Weg, aber immer beseelt vom Wunsch, die grosse Weite des Lebens zu entdecken und zu erfahren.

Matthias Rupper
Bereitgestellt: 20.08.2021     Besuche: 39 Monat  
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