Vielleicht haben Sie ja auch die Kolumne von Samantha Wanjiru im Tagblatt vom 23. August gelesen.

Diese hat mich – wieder einmal – ins Nachdenken gebracht. Aus meiner Perspektive analysiert sie sehr wertschätzend die Situation und das Pfarreileben in unseren christlichen Kirchen – vor allem der Ostschweiz.
Und: Sie konstatiert einen dringenden Reformbedarf. Viele Themen spricht sie an: Es geht vor allem um die ernstgemeinte Sorge nach der nächsten, jüngeren Generation, welche den Glauben doch weitergeben sollte, die in den Kirchenbänken (und auch an den Anlässen), wenn überhaupt, nur spärlich vertreten ist. Sie fordert uns auf, präsenter zu sein, die Öffentlichkeitsarbeit zu stärken, bewusster die junge Generation mit Veranstaltungen und der Gottesdienstgestaltung in den Blick zu nehmen und manches mehr.

Es tönt alles so einfach. Auch wir nehmen all die Probleme wahr, machen uns Gedanken sie anzugehen, um attraktiver zu sein und vor allem: um mit der richtigen Sprache, Gestaltung und Musik das Schöne und Wichtige unseres Glaubens weiterzugeben. Und doch: es ist eben nicht so einfach. Eine reine Verjüngungskur unserer Angebote und Anlässe reicht nicht aus. Allein schon deshalb nicht, weil sie vermutlich in vielen Bereichen nicht authentisch wäre.

Auch wenn wir in Arbon noch ein verhältnismässig junges Team haben, sind wir eben doch keine 20 mehr, sprechen eine andere Sprache und haben oft eine andere Ästhetik. Trotzdem: Es ist und bleibt unser Ziel hier dranzubleiben. Aber das geht nicht von alleine. Angebote, Gottesdienste und Veranstaltungen ins Blaue hineinzumachen ist oft nicht zielführend. Ein Jugendgottesdienst, der von Erwachsenen für Jugendliche vorbereitet wird, muss eigentlich scheitern. Es braucht also beides: unsere Offenheit als Kirche, sich der Notwendigkeit bewusst zu werden, wo wir parallel zu traditionellen Angeboten neue Räume öffnen müssen. Und es braucht ein paar interessierte und motivierte Menschen aus der jungen Generation, die mit uns Neues ausprobieren und helfen, den richtigen «Ton» zu treffen. Vielleicht kennen Sie ja solche jungen Menschen, die nur einen kleinen Schubs brauchen – oder die Ermutigung, mit uns Kontakt aufzunehmen.

Aber da ist noch etwas anderes. Am Ende spricht Frau Wanjiru von der Notwendigkeit zur Reform von Kirchenstrukturen, wobei ich mir nicht sicher bin, ob sie damit nur die angesprochenen Veränderungen meint. Die Diskussion um Reformen in der Kirche sind ja viel weiter und werden seit Jahren geführt. Der Weg der Erneuerung im Bistum Basel oder der «Synodale Weg» in Deutschland sind dafür ein Zeichen. In verschiedenen Gremien bemühen sich Menschen innerhalb der Kirche um die zukunftsfähigen Wege der Kirche – aus Sorge um die Verkündigung des Evangeliums und die Zukunft unserer Kirche(n). Es geht um die Fragen danach, welche Strukturen Kirche heute dafür braucht und welche hinterfragt werden sollten. Es geht um die gemeinschaftliche Suche nach Antworten auf die Frage, wie es uns als Kirche, als Pfarreien und Gemeinschaften am besten gelingt, die Menschen für den Glauben zu begeistern.

Diese Fragen sind genauso, wenn nicht noch drängender als die Frage nach jüngeren Angeboten, da sie die Grundlage für die Zukunft sein werden. Daher freut es mich, dass auch Papst Franziskus diesen Weg nun beschreitet. Die Bischofssynode in Rom 2023 wird den Synodalen Weg zum Thema haben und im Vorfeld – angefangen jetzt im Herbst – mit der Vorarbeit beginnen. Jedoch nicht zuerst in Arbeitsgruppen und –gremien, sondern bei uns, den Gläubigen. Alle Bistümer der Welt sind aufgefordert, sich zu beteiligen und in Form von Umfragen sichtbar zu machen, wo es an den Orten der Welt gerade «harzt» und was einer Reform bedarf. Gleichzeitig hoffe ich, dass die Auswahl der Fragen auch erlaubt, die heiklen, aber wichtigen Themen aufzugreifen, die gerade hierzulande heftig diskutiert werden, und dass Antworten auf diese Fragen auch Konsequenzen haben. Ich wünsche mir, dass sobald das Verfahren klar ist auch wir in der Pfarrei hier tatkräftig mithelfen, um dem Papst und auch Bischof Felix Antworten auf ihre Fragen zu geben.

Was es für die Zukunft braucht, ist also auch Mut, Neues zu probieren, die Wirklichkeit und die Nöte ernst zu nehmen, gut zu prüfen und im Vertrauen auf den Heiligen Geist in die Zukunft zu gehen. Und es braucht uns alle – mit unserem vielfältigen Einsatz für den Glauben, in der Hoffnung, dass Gott weiss, wohin er uns führen will. Und dieser Einsatz für den Glauben lohnt sich, wie es Frau Wanjiru formuliert: «Der Glauben, dass es einmal einen Mann namens Jesus gab, der sich für unsere Sünden sein Leben nehmen liess, gibt Kraft und Hoffnung auf ein besseres Morgen.»

Tobias Zierof
Bereitgestellt: 02.09.2021     Besuche: 47 Monat  
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