Advent – gerade in schwieriger Zeit

Was erwarten wir von der Adventszeit? Es muss nicht alles harmonisch und ruhig sein, aber wir haben doch die stille Erwartung, dass wir in den Adventstagen Stunden der Ruhe und Zeit finden für Begegnungen und Gespräche, die sonst keinen Platz im geschäftigen Alltag haben.
Anders leben als sonst, wenigstens für Stunden – dazu kann uns der Advent motivieren. In den Gottesdiensten in der Adventszeit erscheint eine Gestalt, die uns noch eine andere Dimension des Advents aufzeigt: Johannes der Täufer. Seine Botschaft war unmissverständlich: «Kehrt um und tut Busse.» Er war überzeugt, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis das Ende der Zeit erreicht ist und die Menschen sich vor Gott rechtfertigen müssen. In Scharen sind sie zu ihm hinausgezogen in die Wüste, weil Johannes offenbar so eindringlich gesprochen hat, dass alle spürten: Das ist einer, der weiss, wovon er redet und der seinen Weg konsequent und ohne faule Kompromisse geht. Geliebt haben ihn die Leute deswegen nicht, denn seine drohenden Worte machten Angst und haben verunsichert: Was sollen wir tun, worauf können wir noch hoffen?

Doch die Botschaft von Johannes ist hoch aktuell, heilsam und klärend, auch für unsere Zeit, auch für heutige Menschen. Johannes stellt uns die gleichen Fragen: Was ist euch wichtig im Leben, welche Menschen, welche Ziele? Wie geht ihr mit euren Mitmenschen um, können sie Verständnis und Wohlwollen spüren? Oder meistens das Andere: Keine Zeit und wenig Zuwendung? Leben wir in den Tag hinein oder ist uns bewusst: Das Leben ist kein Zufallsspiel, sondern der Ernstfall? Wir können nicht auf Probe leben und Worte und Dinge ungeschehen machen. Und die Frage: Wenn morgen mein letzter Tag auf dieser Welt wäre, bin ich dann mit mir und mit meinen Mitmenschen im Reinen? – diese Frage gehört auch zur adventlichen Besinnung.

Advent im Sinne von Johannes ist eine radikale Lebensbilanz, verbunden mit dem Willen, das zu ändern, was krumm und nicht gerecht ist. Es kann sein, dass jemand jetzt sagt: Diese Töne will ich nicht hören, sie passen nicht in die Adventszeit, da soll doch Licht und Hoffnung aufscheinen. Doch hoffentlich haben wir es schon erlebt: In der Adventszeit können wir persönlich zu einer Einsicht kommen, die unser Verhalten ändert. Oder wir haben in einem Gespräch einen Konflikt klären können und so den Frieden mit Mitmenschen gefunden. Diese Sicht hat nichts zu tun mit Behaglichkeit und Harmonie, die wir mit dem Advent verbinden. Was Johannes forderte, braucht Mut und Ehrlichkeit. Aber dann wird auch erfahrbar, was der Prophet Jesaja in schwieriger Zeit verkündet hat: «Das Volk, das im Dunkeln lebt, sieht ein helles Licht; für jene, die im finsteren Land wohnen, strahlt ein Licht auf. Du, Herr, schenkst ihnen grosse Freude.» Ich wünsche uns beides, die stillen und schönen Momente und auch den Mut zum ehrlichen Blick auf unser Leben.

Matthias Rupper
Bereitgestellt: 04.12.2021     Besuche: 32 Monat  
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