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Hirtenwort zum 3. Sonntag im Jahreskreis 22. Januar 2023

Hirtenwort zum 3. Sonntag im Jahreskreis 22. Januar 2023
Gemeinsam kraftvoll und glaubwürdig

Liebe Schwestern und Brüder

Jesus ruft zu seinen Jüngerinnen und Jüngern: «Kehrt um, denn das Reich Gottes ist nahe!» Jesus ruft heute jeder und jedem von uns allen zu: «Kehre um, jetzt, denn das Reich Gottes ist nahe!»

Was ist dieses Reich Gottes und weshalb lohnt es sich, den alltäglichen Trott zu verlassen und einen anderen Weg einzuschlagen? Ist es nicht zynisch, Gottes Reich und damit seine Gegenwart zu verkünden, wenn zugleich tagtäglich unzählige Menschen in den vielen Kriegen auf der Welt getötet werden, wenn Kinder und Erwachsene am Horn von Afrika langsam und grausam verhungern, wenn für Flüchtende das Mittelmeer zu ihrem eigenen Friedhof wird? Wo zeigt sich Gott, wenn hierzulande und weltweit Kinder angesichts von Corona, Klimakrise und Krieg ihrer Unbeschwertheit, einem der kostbarsten Kinderschätze, beraubt werden? Wo ist dieser Gott und sein Reich der Gerechtigkeit? Hat sich Gott von uns Menschen und von unserer Geschichte, in welcher Kriege eher die Regel als die Ausnahme darstellen, verabschiedet?

Haben sich die Frauen und Männer, die damals mit Jesu lebten, diese Fragen auch gestellt? Grund dazu hätten sie genug gehabt. Denn als Jesus beginnt, öffentlich aufzutreten, geschieht gleichzeitig eine Katastrophe. Johannes der Täufer wird gefangen genommen und anschliessend enthauptet. Er hat es gewagt, die Obrigkeit zu kritisieren. Es herrscht ein Klima der Angst und der Unterdrückung. Auch Jesus selber wird aufgrund seiner Worte und Taten sein Leben auf grausame Weise verlieren. Das Karussell der Mächtigen und ihrer herzlosen Methoden zur Machterhaltung drehte und dreht sich noch immer mit Volltempo im Kreis.

Jesu Ankündigung des Reiches Gottes, seiner Gegenwart mitten im Dunkel dieser Welt ist also keine naive Schönrederei. Die Spannung zwischen Sein und Hoffnung, zwischen Elend und Verheissung ist heute genauso gross wie damals. Der Weg in eine Welt, in der alle Menschen friedlich und ohne Angst miteinander leben, übersteigt offensichtlich alles, was wir ausrichten können. Das Evangelium lehrt uns, dass die ersehnte Vollkommenheit in Gottes Hand liegt. Und doch sind wir einbezogen in diese Vision, sonst würde Jesus uns nicht zur Umkehr aufrufen.

Was heisst es nun aber, umzukehren und gleichzeitig zu wissen, dass ich selber die Welt damit nicht retten kann? Was heisst es, mich für den Frieden einzusetzen im Wissen, dass mein Tun wahrscheinlich nicht mehr als einem Tropfen auf den heissen Stein gleicht? Was genau erhoffe ich mir davon, für den Erhalt der Schöpfung und würdiger Lebensbedingungen für alle vielleicht weniger zu fliegen oder weniger Fleisch zu essen oder keine Energie zu verschwenden, wenn gleichzeitig ein Klimagipfel nach dem anderen mehr als hinter den Erwartungen zurückbleibt?

Das heutige Evangelium berichtet vom Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu. Hier wird sozusagen das Setting aufgespannt, unter dem sich diese Welt so verändern kann, wie Gott sie in seiner Liebe für uns gedacht hat. Natürlich liefert das Evangelium keine Fertigrezepte dafür, wie wir die gegenwärtigen Krisen überwinden kön-nen. Und dennoch bin ich bei der Verinnerlichung des Textes auf vier Punkte gestossen, die mir helfen, angesichts der Weltlage nicht in eine Ohnmachtsstarre zu verfallen.

Erstens: Der Evangelist berichtet, dass Jesus zweimal zwei Menschen in seine Nachfolge beruft. Nachfolge ist ein Gemeinschaftsprojekt. Sie steht und fällt nicht mit der Tagesverfassung einer einzelnen Person. Was Gott mit uns vorhat, ist so gross, dass es nur gemeinsam gelingen kann. Diese Überzeugung trägt sich über die ersten Missionare der christlichen Botschaft weiter. Auch sie wurden stets zu zweit ausgesandt. Glaube, Hoffnung und Liebe verbreiten sich im gemeinsamen Tragen und Teilen. In dieser Überzeugung wurzelt unsere Kirche als Gemeinschaft. Wo mehrere Menschen am Wirken sind, entsteht Kraft und ist gegenseitige Motivation. Natürlich zeigen sich auch Reibungsflächen. Sie sind zwar manchmal mühsam, aber zugleich ein heilsames Korrekturfeld, das uns vor Abwegen schützen kann.

Zweitens: Was tun nun die Jünger? Sie lassen alles sogleich stehen und liegen und folgen Jesus nach. Sie folgen einem Mann, der sich ihnen nicht mal vorgestellt, geschweige denn eine überzeugende Programmrede gehalten hat. Sie setzten damit ihre Existenzsicherung aufs Spiel. So etwas Unerhörtes ist nur dann vorstellbar, wenn man im tiefsten Inneren von etwas Höherem ergriffen wird. Auch wenn sich nun alles verändert, geben sie sich selbst nicht auf. Sie, die Fischer, sollen zu Menschenfischern werden. Ihre individuellen Fähigkeiten sind gefragt und werden gebraucht, jedoch nicht allein für den Selbst- und Familienerhalt. Am Beispiel dieser Berufungsgeschichte und allem, was im Evangelium darauffolgen wird, können wir erahnen, was mit Umkehr gemeint ist. Die Umkehr, zu der Jesus die Jünger und auch uns aufruft, verlangt ein Aufbrechen der alleinigen Sorge um den eigenen Wohlstand und vielleicht noch den der nächsten Verwandten. Es geht um alle Menschen, vor allem um jene, die allzu leicht vergessen oder gemieden werden.

Drittens: Es ist beachtlich, dass Jesus zunächst nur wenige Jünger ruft. Das Reich Gottes beginnt, im Unterschied zur Herrschaft weltlicher Machthaber, nicht auf grossen Events mit unzähligen Menschen. Im Kleinen, bei ganz einfachen und normalen Menschen fängt hier etwas an, das ganz gross werden kann. Deswegen dürfen wir die Frage, ob es sich überhaupt lohnt, im Kleinen etwas zu tun, gut und gern mit Ja beantworten. Hierzu passt der vielzitierte Ausspruch von Jeremias Gotthelf, der in anderem Zusammenhang zur Einsicht gelangt: «Im Hause muss beginnen, was leuchten soll im Vaterland.»

Viertens: Nachfolge als Gemeinschaftsprojekt, Umkehr als Hinwendung zu den Anderen, Reich Gottes als Beginn im Kleinen schliesst ein, dass hier nicht nur Katholikinnen und Katholiken angesprochen sind, sondern alle, die sich zu Christus bekennen. Deshalb trifft es sich gut, wenn wir momentan unter dem Motto «Tut Gutes! Sucht das Recht!» die Gebetswoche für die Einheit der Christen feiern. Denn Jesus will, dass alle Christinnen und Christen eins sind und gemeinsam an der Verwirklichung des Reiches Gottes wirken, umkehren, glauben. Dazu ermahnt Paulus sehr eindringlich, auch in der heutigen Lesung. Fertig mit dem Geschwistergezänk! Das gemeinsame Zentrum, Christus und die Herrschaft Gottes, die mit ihm anbricht, soll noch vermehrt im Blick stehen. Die zwei mal zwei Jünger, die er beruft, können auch symbolisch für die verschiedenen christlichen Konfessionen stehen, die sich gemeinsam für eine gerechtere Welt und den Erhalt der Schöpfung im Grossen wie im Kleinen einsetzen. Gemeinsam erreichen wir mehr, gemeinsam haben wir eine grössere Ausstrahlung, gemeinsam sind wir glaubwürdig.

Mit allen guten Segenswünschen für das noch junge Jahr!

 

Felix Gmür, Bischof von Basel
Beitrag erstellt: 19. Januar 2023