«Das pilgernde Volk Gottes» (PEP to Go – Teil 5 – S. 10+11)
Wenn wir in die Vergangenheit schauen, haben wir wohl meist eine klare Vorstellung von der katholischen Kirche. Diese ist vor allem geprägt aus den Erinnerungen der letzten ca. 150 Jahre. Dabei vergessen wir allerdings, dass die Kirche genau genommen noch nie ein statisches Gebilde war. Von Anfang an hat sie sich verändert, neuen gesellschaftlichen Herausforderungen gestellt, sich weiterentwickelt, entfaltet und in allem dennoch versucht, ihrer Tradition und ihrem Grundauftrag treu zu bleiben. Der Grund dafür: Kirche war und ist immer ein Teil der Gesellschaft – und Gesellschaft ist immer im Wandel.
Auch wenn wir es uns oft anders wünschen, müssen wir zugeben, dass ein stures Festhalten an der Form von Kirche, in der die meisten von uns aufgewachsen sind, nicht zukunftsförderlich ist. Denn das II. Vatikanische Konzil hält in Lumen Gentium fest, dass die Kirche ein pilgerndes Volk Gottes ist. Als solches ist sie noch nie statisch gewesen. In diesem Wissen, der Orientierung an Gott als unserem Ziel und im Vertrauen auf den Heiligen Geist, der uns führt, können und müssen wir uns damit auch konstruktiv den Herausforderungen unserer Zeit stellen. Denn sie bergen auch Chancen für nächste Schritte. Es mag auf den ersten Blick schmerzhaft sein, sich mit einigen dieser Herausforderungen auseinander zu setzen, auch weil wir manche aus unserer Perspektive nicht nachvollziehen können. Davor die Augen zu verschliessen, bringt
uns jedoch nicht weiter. Es ist also unsere Aufgabe als Teile der Kirche von heute, uns kritisch mit den Veränderungen zu beschäftigen und sie konstruktiv im Sinn der pilgernden Kirche zu gestalten.
1. Relevanz der Kirche(n) in der Gesellschaft
Der PEP to go führt diesen Punkt als erstes an und fasst zusammen, was wir täglich erfahren: die christliche Botschaft hat für viele Menschen – gerade aber auch für viele Getaufte (!) – keine Bedeutung mehr. Bereits heute sind weniger als 50% der Menschen im Bistum Basel noch Mitglieder einer Kirche; und diese Tendenz wird zunehmen. Dies führt dazu, dass auch die Meinung der Institution Kirche als vorher relevante Stimme in gesellschaftlichethischen Debatten an Wichtigkeit verliert. Selbst die Ökumene, als verbindende Kraft der christlichen Konfessionen, hat gesellschaftlich keine Kraft mehr. Und auch innerhalb der Konfessionen zeigen sich wiederum zwei Trends: die einen, welche Konfessionen als solche für nicht mehr relevant halten und die anderen, welche diese in ihren jeweils eigenen Stärken und Besonderheiten betonen.
In einem Satz zeigt sich hier vor allem eins: Die «Volkskirche», wie sie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch spürbar war, ist inzwischen an ihr Ende gekommen. Das mag frustrierend erscheinen. Und doch
bieten sich so auch neue Chancen. Zum einen fordert die Situation uns heraus, Selbstverständlichkeiten und Selbstläufer neu zu überdenken und dadurch unsere Grundaufgabe wieder zu entdecken: allen Menschen die Frohbotschaft zu verkünden. – Wo sich das in der Vergangenheit zunehmend auf die Angestellten in Verkündigung und Katechese professionalisiert und im Gottesdienst und der Schule stattgefunden hat, wird jetzt die Rolle jeder Christin und jedes Christen in der heutigen Situation umso wichtiger. Die gesellschaftlichen Veränderungen fordern uns heraus, aktiv zu werden, uns mit unserem eigenen Glauben vermehrt auseinander zu setzen und fähig zu werden, von ihm zu erzählen und ihn konkret vorzuleben – jeder und jede an dem Ort, wo er und sie ist. Denn auch das können wir sehen:
Es gibt (zunehmend) Menschen, die sich neu für den christlichen/katholischen Glauben interessieren. Sie suchen nach Menschen, die sie an der Hand nehmen und von denen sie lernen können. All das gibt uns heute die Chance, unsere Ausstrahlung als christliche Kirche wieder stärker in den Fokus zu nehmen und das zu tun, was Christen gerade in den ersten Jahrhunderten taten. Sie haben die Menschen beeindruckt und neugierig gemacht, durch die sichtbar andere, gütigere, liebevollere und hilfsbereite Art zu leben. Und sie waren sich darüber im Klaren, wie wichtig es ist das zu tun, was im 1. Petrusbrief deutlich geschrieben steht: «Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt.»
Vielleicht liegt der Relevanzverlust des Glaubens ja auch daran, dass wir als Kirche(n) genau das in der Vergangenheit zu sehr versäumt haben. Jetzt bietet sich für uns die Chance, uns mit dem Grund unserer Freude und Hoffnung vertieft auseinanderzusetzen und dann jeder für sich und alle gemeinsam diese auszustrahlen.
