Zum Hauptinhalt springen

«Diese Kirche wünsche ich mir»

14. Juni 2024
«Diese Kirche wünsche ich mir»
In einem deutschen Magazin mit religiösen Inhalten äussern junge Menschen ihre Träume und Visionen, die sie mit ihrer Wunschkirche verbinden.

Nun ist das Thema Kirche für junge Leute eher eine Nebensache, weil nur noch wenige mit kirchlichem Leben verbunden sind und weil der Zeitgeist mehr auf individuelle und materielle Freiheit ausgerichtet ist. Doch die Zukunft der Kirchen wird durch junge Menschen mit ihren Vorstellungen gestaltet werden.

Themen, nicht Mitwirken
Was auffällt bei den Meinungen: Es sind weniger Erfahrungen und das Mitwirken in kirchlichen Gruppen, die das Kirchenbild prägen, sondern Themen, die mit der Welt und der Gesellschaft zu tun haben. Eine junge Studentin der Umweltwissenschaften ist überzeugt, dass die Kirche nach wie vor «eine mächtige Institution ist, die dazu beitragen kann, dass die Welt ein gerechter, friedlicher Ort wird.» Ihr ist wichtig, dass die Kirche viel stärker als «Vorreiterin in Sachen Klimaschutz und Klimagerechtigkeit» auftreten müsse. cDer Glaube selbst ist für sie nicht zentral, sondern die Begegnung mit Menschen; das führe zu einem grösseren Verständnis füreinander und zu weniger Konflikten. Wichtig sind für einen jungen Mann, der vielleicht Lehrer wird, christliche Inhalte wie «soziale Gerechtigkeit, Gemeinschaft, Heilung, Bewahrung der Schöpfung, Frieden».

Aber die unterschiedlichen Auffassungen zwischen Kirche und jungen Menschen haben für ihn nicht nur mit den Inhalten, sondern eher mit der Form zu tun. Doch die Kirche soll sich nicht zwanghaft bemühen, «cool zu sein». Darum wünscht er sich keine Angleichung der Kirche an die Jugendkultur. Kirchenleute, die meinen, sie seien modern, weil sie Social Media beherrschen und mediale Plattformen benutzen, werden die Jungen nicht erreichen, denn «uns geht es um etwas, was trägt, um Werte und eine Haltung. Wir fragen: Was macht die Kirche angesichts aktueller Herausforderungen.» Für eine andere junge Frau sind hingegen Erfahrungen von Kirche ausschlaggebend. Mit 14 Jahren war sie in Taizé, dieser Gemeinschaft im Burgund, die Frère Roger Schutz als Ort der Versöhnung gegründet hatte. «Das gemeinsame Singen, Beten, Schweigen und Essen» hat sie beeindruckt. Und dass alle eine Aufgabe hatten, um für die Gruppe zu sorgen. Dort habe sie gespürt, «wie wertvoll die christliche Gemeinschaft für mein Leben ist.» Das hat sie dann bewogen, für ein Jahr in Tansania das Leben einer christlichen Gemeinde in einer armen Kirche kennenzulernen. Ihre Wünsche an die Kirche sind einfach und klar: «Viel politischer könnte die Kirche sein, und schneller. Die Kirche braucht oft viel zu lange, bevor sie auf aktuelle gesellschaftliche Ereignisse reagiert.» Die Kirche soll nicht hinterherhinken, sondern mehr gestalten. Und doch ist sie überzeugt, dass die Kirche immer noch eine wichtige Rolle in der Gesellschaft spielt, auch durch die vielen diakonischen und seelsorgerlichen Aufgaben, die sie übernimmt. Für sie steht aber fest: «Wenn die Kirche eine Zukunft haben will, muss sie junge Menschen beteiligen.»

Kirchenträume heute
Wie und wohin die Kirche sich entwickelt, ist ungewiss. Wir müssen uns von der Vorstellung einer christlichen Kirche, die nur römisch-katholisch ist, verabschieden und die Einheit in der Vielfalt verstehen lernen, nicht als Verlust, sondern als Vielfalt, gelebte Ökumene! Und dann sind da noch die anderen grossen Weltreligionen, die das Konzil auch als Heilswege anerkannt hat. Auch da ist ein gemeinsamer Grund möglich: Kirche sind alle Menschen, die Gott oder das Göttliche als Schöpfer und Ziel des Lebens erkennen und bezeugen. Aus vielen Völkern wird Gott sein Volk zusammenrufen, so die Geheime Offenbarung.

Verschweigen wir nicht die Verwundungen, die Kirchen den Menschen bereitet haben, nur ein Beispiel: Ein 35-jähriger Mann muss seine grosse Enttäuschung überwinden: «16% der Bevölkerung gehen nur noch zur Kirche. Diese Tatsache hat die Kirche selbst herbeigeführt. Maiandachten und Prozessionen sind überflüssig. Ausserdem hängt die Kirche zu sehr an ihrem Reichtum. Schaut in die Entwicklungsländer: nur Armut – und die Kirche macht mit. Wie lange ich es noch in der Kirche aushalte, weiss ich nicht.» – Wir bleiben, auch mit schwierigen Erfahrungen, aber aus Überzeugung. So wie es immer wieder Mitchristen ausgedrückt haben: «Ich bin doch nicht wegen dem Papst in der Kirche, und ich trete doch nicht wegen den Missbrauchsfällen aus.» Was heisst, dass Kirche immer eine Hoffnungsgemeinschaft ist und bleibt. Und so sollen uns diese Kirchenträume aufwecken und ermuntern und begeistern: «Ich träume von einer Kirche, die arm ist und jedem Profitdenken einen einfachen Lebensstil entgegensetzt. – Ich träume von einer Kirche, die nicht ihre Macht ausspielt, die nicht über andere herrschen will, wo Männer und Frauen gleichberechtigt sind. – Ich träume von einer Kirche, die demütig ist, die Mut zum Dienen beweist, Gescheiterten eine Zukunft gibt, Andersgläubige nicht verurteilt und Fremden Gastfreundschaft gewährt. – Ich träume von einer Kirche, die ehrlich ist und Kritik zulässt, die sich offen mit den Fragen unserer Zeit auseinandersetzt, die Mut zu neuen Formen des Umgangs hat. – Ich träume von einer Kirche, die mich bejaht, so wie ich bin, die mich zu Wort kommen lässt, die kreativ ist und das Evangelium im Heute lebt. – Ich träume von einer Kirche, die Vertrauen schenkt, die Hoffnung ausstrahlt, die anziehend wirkt. Ich träume von einer Kirche … ich und du, wir sind Kirche.» Behalten wir darum unseren Glauben. Auch wenn wir weniger sein werden und von der Welt nicht beachtet werden, mit der Botschaft Jesu werden wir die Welt gestalten und verändern – heute und auch in Zukunft!

(Zitate aus «Publik-Forum Extra, Feuer – Wofür brennst Du? Heft 5/2024»)

Matthias Rupper