Helfen – im Sinne von Jesus
Ohne lange zu überlegen, werden wir sicher sagen, dass wir Mitmenschen helfen sollen, die auf unsere Unterstützung angewiesen sind. Das nennt sich dann Nächstenliebe, wobei sich dann die Frage anschliesst: Wer
ist mein Nächster, und wer auch nicht? Der Jakobusbrief sagt es in klaren Worten: «So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selbst.» (Jak 2,17) Was dann so erklärt wird: Ohne Taten ist der Glaube eine leere Behauptung und im Leben wirkungslos. Doch – ist das eine neue Erkenntnis, ist das nicht eine ganz normale menschliche Haltung, auf die sich niemand etwas einbilden kann? Berühmt sind Goethes Worte: «Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.» Damit meint der Dichter die Fähigkeit des Menschen zu moralisch gutem Handeln, das sich so von der unbewussten und gleichgültigen Natur unterscheidet. Hat also der Mensch eine natürliche Veranlagung zum Helfen, und dann ist auch die christliche Haltung nur normal human?
Helfen, wie es Jesus versteht
Jesus hat das Reich Gottes angekündigt, damit meint er nicht einfach eine Form von Humanismus. Das lässt sich an vielen Beispielen aufzeigen: Zum Kranken am Betesda-Teich sagt er nur: «Nimm deine Bahre und geh.» (Joh 5,8). Und Jesus selber geht dann auch gleich weg, ohne weitere Worte. Er will die Geheilten nicht für sich vereinnahmen, sondern er befreit sie von Krankheit und gesellschaftlicher Isolation und führt sie in ein eigenständiges Leben. Den Blinden in der Nähe von Jericho fragt Jesus: «Was willst du, dass ich dir tue?» Er heilt ihn nicht ohne seine Zustimmung, der Blinde ist mitbeteiligt, denn es geht Jesus nicht um ein ärztliches Wunder, sondern mehr noch um eine innere Wandlung. Erstaunlich, in den vier Evangelien hat Jesus mehr als 200 Fragen gestellt, er hört also zu. Ebenso überraschend ist die Begegnung mit der syrophönizischen Frau (Mk 7,24-30): Sie kritisiert Jesus, weil er nur bestimmten Menschen helfen will, jenen aus dem jüdischen Volk. Sie hat den Mut, Jesus zu belehren, und dieser nimmt die Kritik an, er lernt dazu. Immer wieder nach Predigten und Heilungen zieht sich Jesus auch zurück. Es geht ihm also nicht darum, im Mittelpunkt zu stehen, er will sich nicht bejubeln lassen, sondern er sucht die Ruhe und den Abstand zum geschäftigen Alltag. Weil er spürt: Immer präsent sein, immer helfen – das überfordert jeden Menschen. Nach den Heilungen weist Jesus die Geheilten auf den tiefsten Grund seines Wirkens hin: «Dein Glaube hat dich geheilt.» Der Glaube an den lebensspendenden Gott ist entscheidend, nicht der Wundertäter Jesus.
Menschen als Töchter und Söhne Gottes
Durch alle Zeiten gab es Menschen, die sich für die Gleichberechtigung aller menschlichen Wesen eingesetzt haben. Dafür haben sie sich politisch, gesellschaftlich und auch religiös engagiert. Die Benachteiligten sollten zu ihrem Recht kommen, so wie es die Parolen der französischen Revolution propagiert haben: «liberté, égalité, fraternité». Im Ziel waren sich die Humanisten einig, nicht aber in der Begründung und in den Mitteln. Wie die humane Menschheitsfamilie zu erreichen sei, da unterschieden sich die Geister. Jene, welche die humane Gesellschaft schaffen wollten, setzten auf ihre eigenen Ideen und Kräfte: der Mensch als sein eigener Erlöser. Immer besteht dann die Gefahr, dass man auch mit Druck und Gewalt zum Ziel kommen will. Auch unter den Jüngern Jesu im weiteren Kreis gab es eine Gruppe, die Gewalt als legitimes Mittel ansah: Die Zeloten räumten Gegner gewaltsam aus dem Weg und fühlten sich durchaus durch den jüdischen Glauben dazu berechtigt. Dagegen steht die Haltung von Jesus, der jegliche Gewalt prinzipiell abgelehnt hat. Pilatus versucht er den Unterschied zu erklären: Seine Macht ist nicht von dieser Welt und braucht darum keine Soldaten mit Waffen. Es fehlt den Menschen immer wieder an Geduld und Einsicht, um sich einzugestehen, dass gerade die wichtigsten Werte im Leben nicht erzwungen werden können: Toleranz, Verständnis, Frieden und Gerechtigkeit. Das hat dann im Letzten mit dem Menschenbild zu tun: Der Mensch als Herrscher der Welt – oder der Mensch, der sich bewusst ist, dass uns allen das Leben mit allem, was dazu gehört, von Gott geschenkt ist. Aus diesem Verständnis sind wir dann bereit und motiviert, all jenen zu helfen, die nicht zu ihrem Recht kommen, die sich nicht wehren können und so in ihrer menschlichen Würde zurückgesetzt werden, und das nicht weitab in fernen Ländern, sondern in ihrer Umgebung – in der Familie, in der Schule, im Beruf, im Verein, in der Pfarrei und immer dort, wo es um das Zusammenleben von Menschen geht. Der Mensch ist seines eigenen Glückes Schmied – das mag ein Teil der Wahrheit sein, er darf aber auch Hilfe in Anspruch nehmen und sich geschützt und gesegnet fühlen von Gott, dem treuen Hirten und Wegbegleiter, der heilt, der zum Recht verhilft, der sich erbarmt und der uns auf dem Lebensweg leitet und führt, jeden Tag.
