«Adam und Arbor Felix»
Der Referent Beat Lehner, Obstbauer und in verschiedenen Projekten tätig, begann humorvoll: Adam war der erste Obstbauer, und Arbor Felix heisst eigentlich glücklicher Baum. Der Ursprung des Apfels ist aber nicht der Thurgau, sondern Ostkasachstan, über die Seidenroute und die Verbreitung durch die Römer gelangte der Obstbau dann auch zu uns. Zuerst war Wein allerdings der wichtigere Saft, erst als die Reblaus ab 1863 vernichtende Auswirkungen hatte, konnte der Obstbau den Weinbau verdrängen. In der Form bildeten sich zwei Arten von Obstbäumen heraus: Von den Hochstämmern kam das Mostobst, das Tafelobst lieferten die Niederstammbäume.
Mostindien
Diese Bezeichnung für den Thurgau versteht sich eher humoristisch. Doch mit Indien ist Lehner in einem regelmässigen Kontakt. Ostindien ist weit entlegen, aber fruchtbar; so ist Indien heute ein grosses Obstbauland, aber nur in hohen Lagen. Da Äpfel bis 800 Kältestunden brauchen, eignet sich Kaschmir auf Höhen zwischen 1500 und 3000 Metern ideal für den Obstbau. Der Bedarf im mittlerweile grössten Land an Einwohnern ist riesig, es gibt ein grosses Entwicklungspotential. Auch kulturell unterscheidet sich die Bewertung: Banane war bei uns lange eher Luxusgut, in Indien ist es gerade umgekehrt: Banane ist Alltag, der Apfel speziell; Äpfel werden auch als Gastgeschenk mitgebracht. Allerdings muss sich an den Strukturen noch einiges ändern. Viele in Indien sind Analphabeten und müssen instruiert werden, es gibt viele kleine Betriebe mit den geschützten Kühen und Hühnern, verkauft wird im klassischen Strassenhandel, auch in indischen Grossstädten. Zur Bezeichnung Mostindien gibt es verschiedene Hinweise: 1904 bezeichnet das Schwäbische Wörterbuch den Thurgau als Mostindien, da von dort in schlechten Obstjahren viel Mostobst importiert wird. Auch soll der Thurgau auf der Karte eine gewisse Ähnlichkeit mit dem indischen Subkontinent aufweisen. Und der Schweizer Bundespräsident Adolf Teucher, ein Thurgauer, soll den Kaiser von Hinter-Indien so begrüsst haben: «Sie kommen aus Hinter-Indien, ich aus Most-Indien.»
Heutige Situation
Der Thurgau hat in verschiedener Hinsicht gute Bedingungen für den Obstbau. Das gute Klima am Bodensee eignet sich für verschiedene Kulturen, auch für Beeren und Kirschen. In der Land- und Forstwirtschaft sind im Thurgau 5,5% der Bevölkerung tätig, schweizweit weniger als 2%. So kommt jeder dritte Apfel und jede dritte Birne aus dem Thurgau sowie jede fünfte Kirsche. Auch der grösste Obstvermarktungsbetrieb ist im Thurgau angesiedelt: TOBI in Bischofszell und Egnach, und Möhl und Ramseier sind die grössten Mostereien, Benno Neff als Geschäftsleiter gab dazu die wichtigsten Informationen. Dazu sind die kleinstrukturierten Betriebe, das gemässigte Klima und das ausreichend verfügbare Wasser (Bodensee, Rhein, Thur) weitere günstige Faktoren. Und nicht zu vergessen die arbeitsamen Leute, nicht nur Thurgauer, sondern auch zeitweise Frauen aus Polen und anderen Ländern, denn Obstbau ist doch in vielen Teilen noch Handarbeit.
Zukunft
Der Obstbau steht auch im täglichen Wettbewerb. Die wesentlichen Herausforderungen sind die Arbeitskräfte, die Technisierung durch KI, der Pflanzenschutz bei der Züchtung. Denkbar sind in nächster Zeit auch Ernteroboter für Äpfel, Erdbeeren und Kirschen. Bis eine neue Sorte entwickelt ist, braucht es 15 bis 20 Jahre; dabei müssen verschiedene Teststufen durchlaufen werden. Neuseeland ist für die Schweiz beides: Konkurrent und Ideengeber. Für Sorten von morgen muss eine neue Gentechnologie richtig eingesetzt werden, aber ein schnellerer Fortschritt ersetzt die klassische Züchtung nicht. Mit grossem Interesse sind die über 50 Arboner Frauen und Männer den Ausführungen der Referenten gefolgt und liessen den Nachmittag gemütlich an den wie immer phantasievoll geschmückten Tischen ausklingen.
