Ein guter Papst
Dass Papst Franziskus bald sterben würde, war spürbar und ersichtlich, einzig wie lange es noch dauern wird, war offen. Dass sein Tod am Ostermontag eintrat, darf man als schönes Zeichen sehen; einige meinten, darum habe er am Ostersonntag noch einmal alle Kraft zusammengenommen für den Ostersegen mit ganz schwacher Stimme im Bewusstsein, dass dies seine letzte seelsorgerliche Handlung sein würde.
Schon vor seinem Tod haben die Medien ihren Nachruf vorbereitet; und selbst seine Gegner werden dies wohl zugestehen müssen: Er war ein guter Seelsorger. Er ist auf die Menschen zugegangen, hat den unkomplizierten Kontakt gesucht, auch mit Menschen, die nicht in der Kirche beheimatet waren. Den Ton für diesen menschennahen Stil hat er schon beim ersten Erscheinen nach seiner Wahl gesetzt mit dem herzhaften ersten Satz: «Buona sera»; da wurde vielen Menschen klar, dass dieser Papst nicht auf äusseren Schein und feierliches Gehabe setzt, sondern auf eine Sprache und ein Verhalten, das alle Menschen verstehen können. Ein grosses deutsches Magazin schrieb, dass er ein Menschenfreund war und die Weltkirche wie ein eigensinniger Dorfpfarrer geführt hat. Im Vergleich zu seinen Vorgängern wurde ihm vorgehalten, dass er theologisch nicht so kompetent war. Seine Lehrschreiben widerlegen diese Meinung eindeutig; nur hat er die Themen anders gesetzt; nicht die innerkirchliche Ordnung und die richtige Liturgie waren seine Hauptanliegen, sondern die grossen Fragen der Kirche und der Gesellschaft: Wie kann die Frohe Botschaft heute in die Welt getragen werden, als Hoffnung und Ermutigung, nicht als Disziplinierung; wie kann die Welt als Schöpfung Gottes verstanden und geschützt werden; und wie müssen wir uns verhalten, damit die Geschwisterlichkeit und nicht die Waffen den Frieden sichern. Dabei machte er sich mit seinen Worten angreifbar, als er zum Beispiel sagte: «Diese Wirtschaft tötet.» Da wollte er auf ungerechte Arbeitsbedingungen hinweisen und die Verantwortlichen zu einer anderen Einstellung bewegen, gefreut haben sich jene, die er gemeint hat, sicher nicht! Da hatte er die Menschen im Blick, die ihm besonders wichtig waren – die Armen überall auf der Welt. Als früherer Arbeiterpriester aus Argentinien brachte er genügend Erfahrungen mit. Den Worten liess er Taten folgen: Für Obdachlose wurden nahe dem Petersplatz Zelte aufgestellt, es wurde ihnen Essen verteilt und sanitäre Anlagen angeboten. Das entsprach seinem grundsätzlichen Glaubensverständnis: Die Kirche muss für die Menschen da sein und darf sich nicht nur mit sich selbst beschäftigen.
Ein anderer Stil
Sein Verständnis von guten Seelsorgern machte er auch innerkirchlich deutlich, er trennte sich von vielen Traditionen, die frühere Päpste fraglos übernahmen. Er wohnte nicht in der Papstwohnung, sondern in einem Gästehaus des Vatikans; rote Schuhe zog er nicht mehr an, eher ausgelatschte Schuhe, er fuhr einen alten Gebrauchtwagen – alles Zeichen, dass sich auch Bischöfe nicht wegen ihrem Amt abheben sollten. Viele konservative Würdenträger werden ihm die legendäre Schelte vor einigen Jahren kurz vor Weihnachten sehr übelgenommen haben, als er ihre Privilegien richtig abkanzelte. Das waren ganz ungewohnte Töne, da konnte Papst Franziskus auch undiplomatisch ruppig sein. Doch es ging ihm nicht um Beleidigungen, sondern um den Ruf und das Ansehen der Kirche, die nicht in einer Parallelwelt leben sollte, sondern nahe den Menschen. Es wird eine entscheidende Frage bei der nächsten Papstwahl sein, ob sein Nachfolger diese Sicht übernimmt oder wieder zur früheren Ordnung zurückkehren möchte. Dann würden sich viele Arme wohl enttäuscht von der Kirche abwenden.
Der nächste Papst
Am Mittwoch, 7. Mai kommen die Kardinäle zusammen, um den neuen Papst zu wählen. Wahlberechtigt sind 133 Kardinäle aus allen Teilen der Welt, die noch nicht 80 Jahre alt sind. Der Ablauf der Wahl ist streng festgelegt. Nach einem Gottesdienst versammeln sich die Kardinäle in der Sixtinischen Kapelle zu den Wahlgängen. Wenn einer der Kardinäle zwei Drittel der Stimmen erreicht, ist er gewählt, dann steigt der weisse Rauch aus dem Kamin auf. Der Papst muss dann seine Wahl annehmen und seinen Namen als Papst bekanntgeben. Die Wahl ist geheim, auf dem Stimmzettel steht in Lateinisch der Satz «Ich wähle zum obersten Brückenbauer», nach der Auszählung werden die Stimmzettel verbrannt. Der neue Papst tritt dann auf die Loggia und spricht ein erstes Mal zu den Menschen, die ihn erwarten. Diese Papstwahl ist sehr wichtig für die katholische Kirche, denn es stehen sich zwei Lager gegenüber: jene, die den Kurs von Franziskus weiterführen wollen und jene, die zu Ruhe und Ordnung rufen und verschiedene Anstösse, die von Franziskus ausgegangen sind, rückgängig machen wollen. Das Kardinalskollegium ist auch viel bunter als früher, denn viele Kardinäle kommen nicht mehr aus Europa. So ist auch ein Papst aus Asien oder Afrika denkbar, aber auch wieder einer aus Italien, so wie es während langen Zeiten Tradition war. Die Kardinäle hatten in den letzten Tagen Gelegenheit, sich kennenzulernen und zu besprechen. Der Wahlausgang ist sehr ungewiss, es gibt einige Anwärter, nur gibt es auch den Spruch: Wer als Anwärter hineingeht, kommt wieder als Kardinal hinaus – Franziskus war fast unbekannt, so könnte es auch bei dieser Wahl sein. Und eine weitere Weisheit wird jeweils vor einer Wahl verkündet: Zwar wählen die Kardinäle, aber letztlich wird die Wahl durch den Heiligen Geist entschieden! Das darf in Frage gestellt werden, es geht um Interessen, um Macht und um Glaubenssichten, darum ist eine kluge Wahl wünschenswert. Und es muss keine Kopie sein, aber ein Papst in der Haltung von Franziskus wäre für die katholische Kirche wünschbar und ein grosser Segen – hoffen wir!
(geschrieben am 6. Mai, am Vortag der Papstwahl)
