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Fussball und Glaube

20. Juli 2026
Fussball und Glaube
Während ich diesen Artikel schreibe, ist die Fussballweltmeisterschaft in vollem Gange, und die Schweiz ist noch nicht ausgeschieden!

Man kann sich fragen, was Fussball mit dem Glauben zu tun hat. Es scheint so zu sein, dass kein Lebensbereich sich diesem Ritual alle vier Jahre entziehen kann. In einer Tageszeitung schreibt ein Politiker einen Artikel mit dem Titel: Was hat Fussball mit Politik zu tun? – und er geht dann jenen Phänomenen nach, die in beiden Feldern eine Bedeutung haben. Und auf der Sportseite einer anderen Zeitung sind die Spieler der Nationalmannschaft Manzambi und Vargas fotografisch zu sehen, wie sie mit den Fingern ein Kreuz formen, im Titel werden sie als «Die Schweizer Kreuzkicker» bezeichnet, weil der Glaube für sie eine wichtige Lebenskraft ist und sie sich regelmässig mit anderen Fussballern in einem Videocall zum gemeinsamen Beten treffen. Und das Pfarrblatt unseres Kantons forumKirche bildet auf der Frontseite den Goalie des FC St. Gallen Lawrence Zigi ab und führt über zwei Seiten ein Interview mit ihm, wo er erklärt, warum der Glaube für ihn lebenswichtig ist und wie er ihn lebt auch in seinem Beruf als Fussballer. Da schält sich eine Grunderkenntnis heraus: Der Glaube kann sich in allen Lebensbereichen zeigen und etwas bewirken.

Die negativen Seiten
Wir alle wissen, dass der Fussball auch viele negative Seiten hat. «Spielball der Mächtigen» – so der Titel in einer kritischen christlichen Zeitschrift. Dass sich da Menschen aus der Politik und der Wirtschaft zusammenfinden, denen es nicht um menschliche Werte, sondern um Profite geht, ist eine Binsenweisheit. «Es geht nur um das Geld», daran stören sich viele, die durchaus am Fussball interessiert sind. Warum ein Fussballer 100 Millionen wert sein soll, kann man niemandem plausibel machen. Aber nicht nur die Mächtigen im Fussballgeschäft geben oft ein schlechtes Bild ab, sondern auch viele Anhänger der Fussballvereine. Wir kennen die Berichte von Fangruppen, die randalieren, die andere Menschen körperlich bedrohen, die Sachwerte zerstören, denen es eigentlich nicht um den sportlichen Wettkampf geht, sondern darum, die Fans der anderen Vereine schlechtzumachen, die Polizei anzugreifen und so einfach ihre Triebe auszuleben, und das von Wochenende zu Wochenende. Da kann man sich fragen: Wieso schafft es der Fussball, dass Menschen in feindliche Gruppen zerfallen, dass es bei den Spielen oder in den sozialen Medien zu Hasstiraden kommt, dass man nach den Spielen nicht friedlich auseinandergeht, sondern dem Gegner auflauert? Es gibt den Spruch: Fussball ist die wichtigste Nebensache der Welt. Da kann man zustimmen, aber nur, wenn das Erscheinungsbild dem auch entspricht.

Gemeinsame Werte von Fussball und Glaube
Fussball ist Sport, wird mit körperlichen Kräften gespielt, Glaube ist ein spirituelles Geschehen, ein innerer Vorgang, der sich in der Liturgie aber auch leibhaft ausdrückt. Wenn sich viele Spieler aus Südamerika oder anderen katholischen Ländern bekreuzigen, wenn sie das Spielfeld betreten, dann kann man sich fragen, was sie damit meinen. Natürlich träumt der Stürmer davon, dass er ein Tor erzielen kann und der Torhüter umgekehrt bittet darum, dass er seinen Kasten reinhalten kann. Aber sie alle ordnen sich in ein Team ein, nur so können sie Erfolg haben. Das lässt sich gut mit der Urkirche am Anfang und mit dem kirchlichen Leben heute vergleichen. Jesus war kein Einzelkämpfer, er hat Menschen in seine Nachfolge gerufen, Frauen und Männer, die den Glauben in seinem Sinn verkündet und weitergegeben haben. Dieses Prinzip gilt auch heute noch: Es gibt spirituell grosse Unterschiede in unserer Kirche, aber in den wesentlichen Glaubensinhalten sind wir uns einig – im Glaubensbekenntnis, in der Feier der Eucharistie, in den anderen Sakramenten kommt das zum Ausdruck. Aber nicht nur innerkirchlich, auch in vielen diakonischen Werken ist die Kirche sichtbar im Alltag der Menschen.

Ökumene im Fussball und im Glauben
Viele verschiedene Nationen spielen an der WM, auch solche, von denen wir noch nie etwas gehört haben oder wo wir nachschauen müssen, wo sie auf der Weltkarte zu finden sind: Curacao oder Kap Verde oder Usbekistan. Da kann der Glaubende etwas von der Schöpferkraft Gottes entdecken, so vielgestaltig hat er die Welt und die Menschen erschaffen. Spieler und Zuschauer singen vor dem Spiel mit Freude und Herz die Nationalhymne – ein wunderbares Bild! Und alle Spieler müssen sich an die Regeln halten, alle haben die gleichen Rechte, es gibt kein Oben und Unten wie in vielen Ländern und Kulturen. In unserer Kirche gibt es den Begriff der Inkulturation, der leider zu wenig bewusst ist: Der Glaube, im Kern einig, darf sich in verschiedenen Formen und Sprachen und Liedern ausdrücken, das ist nicht ein Verlust, sondern eine Bereicherung – so wie ich es in Tansania erlebt habe: Frauen, die tanzend und singend in einer Prozession die Gaben zum Altar bringen.

Der letzte Gedanke ist vielleicht der wichtigste
Der Fussball kann Ausdruck eines weltweiten Friedens sein. Es wäre möglich gewesen, dass Iran und USA aufeinandertreffen – politisch Erzfeinde, auf dem Spielfeld sportliche Konkurrenten; am Anfang und am Schluss hätten sie sich die Hand gegeben – Respekt und Anstand als sportliche Grundlagen. Hass und Feindschaft entstehen oft aus Vorurteilen: Man kennt sich nicht, legt den anderen auf ein bestimmtes Bild fest, das mit der Realität nichts zu tun hat. Frieden hingegen entsteht aus Nähe, aus Verbundenheit, aus der Einsicht, dass die Sichtweise einer anderen Mannschaft genauso wichtig ist wie meine eigene. Denken wir daran, wie lange es gedauert hat, bis die christlichen Kirchen erkannt haben, dass es auch noch andere Heilswege gibt, von Gott gewollt, damit die Menschen auf verschiedenen Wegen nach ihm suchen und zueinander finden. So ist zu hoffen, dass der Sport wie die Kultur, die Musik und andere Lebensbereiche das Gemeinsame suchen, ohne die Eigenart aufzugeben – und damit auch eine Glaubenshaltung sichtbar machen: wir alle als Menschen, von Gott berufen, um in Frieden, Ehrfurcht und Achtung das Reich Gottes in unserer Welt sichtbar zu machen.

Matthias Rupper