Leben – mit langem Atem und Geduld
Unsere Kirchenlieder finden da klare Worte: «Der Geist des Herrn erfüllt das All mit Sturm und Feuersgluten, er durchweht die Welt gewaltig und unbändig; wohin sein Feueratem fällt, wird Gottes Reich lebendig.» Die Welt – heute und früher – mit allen Sorgen und Problemen, mit Neid und Hass lässt uns oft zweifeln, ob Gottes Geist eine wirksame Kraft ist. Das hat wohl mit unserer verständlichen Erwartung zu tun, dass der Heilige Geist unsere Probleme lösen soll. Doch Jesus verheisst den Gottesgeist als Beistand, der immer wirkt und nicht nur in Krisenzeiten. Er ist gleichsam der Atem Gottes, der uns bewegt und belebt: «Gottes Geist hat mich erschaffen, der Atem des Allmächtigen hat das Leben gegeben», heisst es im Buch Hiob.
Der lange Atem
Wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen unter dem Druck und der Hektik des Alltags leiden. Nach einer neuen Umfrage in der Arbeitswelt haben viele nicht ein schlechtes Klima im Betrieb als grösste Sorge angegeben, sondern den Zeitdruck, der auf ihnen lastet. Da kann der Gottesgeist eine Hilfe als langer Atem sein: «Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit» (Prediger 3,1). Wenn Menschen danach leben, finden sie einen guten Lebensrhythmus und lernen zu reifen und zu wachsen. Dann verstehen sie, dass nicht immer alles klar sein oder sofort gelingen muss.
Resilienz
Für die Einsicht, dass Leben auch mit Scheitern verbunden ist und der Mensch trotzdem den Halt nicht verlieren muss, gibt es einen relativ neuen Begriff: Resilienz. Damit ist die Fähigkeit gemeint, sich nicht von Enttäuschungen und Rückschlägen die Kraft nehmen zu lassen. Damit ist nicht eine besondere Eigenschaft oder ein Talent gemeint, das die einen haben und andere nicht. Wir können das lernen im Verlauf des Lebens. Wer sich resilient verhält, handelt nicht nach einer psychologischen Theorie, sondern begibt sich in einen Glaubensprozess. Wie oft musste Jesus Unverständnis und Ablehnung, ja auch Bedrohung und Hass ertragen, aber er liess sich nicht verbittern, er zahlte nicht zurück, er blieb seiner Mission treu: das Reich Gottes zu verkünden und erfahrbar zu machen. Der lange Atem wirkt da als Glaubenshaltung: die Rückschläge auszuhalten und die Hoffnung dagegen zu setzen, dass Gerechtigkeit und Frieden sich nicht ausschalten lassen, sondern in den Herzen vieler Menschen im Glauben weiterleben und immer neu aufbrechen.
Die Tugend der Geduld
Der katalanische Architekt Antoni Gaudi starb vor 100 Jahren. Sein Meisterwerk ist die «Sagrada Familia», jene Kirche in nicht vollendet ist. «Mein Klient hat keine Eile», pflegte Gaudi zu sagen, wenn man ihn drängte, endlich das Werk zu vollenden. Sein Klient war nicht eine Baubehörde, sondern Gott. Und Gott hat viel Geduld mit uns Menschen; unsere Aufgabe ist es, mit Geduld und langem Atem die Botschaft Jesu wachzuhalten und weiterzugeben. So wie es in der Pfingstsequenz heisst: «Komm herab, o Heilger Geist. In der Unrast schenkst du Ruh, hauchst in Hitze Kühlung zu, spendest Trost in Leid und Tod. Gib dem Volk, das dir vertraut, das auf deine Hilfe baut, deine Gaben zum Geleit.»
