Zivilisation der Liebe gegen die Kultur der Macht
Wir können dies bis zur Schöpfungsgeschichte im Buch Genesis zurückverfolgen. Dort sehen wir, wie Adam die Verantwortung an Eva weitergibt und Eva dann diese an die Schlange. Im Laufe der Geschichte können wir beobachten, wie der Mensch sich immer mehr in Schuldhaftigkeit und Sünde verstrickt. Damit widerspiegelt sich die zunehmende Entfremdung des Menschen von seiner göttlichen Bestimmung und das Zögern der Menschheit, die soziale Verantwortung für das Handeln zugunsten des Gemeinwohls zu übernehmen.
Der Mensch ist als Krone der Schöpfung geschaffen und berufen, die Schöpfung zu bewahren, zu schützen und zu nähren. In diesem Sinne können wir sagen, dass der Mensch Mit-Schöpfer ist – er ist berufen, kreativ an der lebensspendenden, lebensnährenden und erlösenden Liebe Gottes mitzuwirken. Die Schöpfung und Erfindung der menschlichen Hand und des menschlichen Geistes sind letztlich Nachahmung der wirkenden Prinzipien und Kräfte in der Natur selbst. Daher sollten auch Absicht und Ziel der Erfindung demnach darin bestehen, Leben und Umwelt zu erhalten und zu schützen. Die Erfindungen dienen vor allem der Erleichterung im alltäglichen Leben. Trotzdem lehrt uns die Geschichte, wie Technik und Erfindungen missbraucht werden können. In diesem Zusammenhang ist die Neigung oder das Zögern der Menschen, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, entscheidend.
Deswegen sollen die künstliche Intelligenz und die damit verbundenen Entwicklungen auch kritisch gesehen werden. Die gegenwärtige Situation von Krieg und Konflikten verdeutlicht die extreme Gefahr, dass menschliche Erfindungen und Technologien zum Zweck der Herrschaft der Mächtigen über die Schwachen missbraucht werden. Die biblischen Texte widerspiegeln die allgemeine Tendenz der Gesellschaft, in der die Mächtigen dominieren und die Armen und Machtlosen leiden. Ein typisches Beispiel ist die Klage des Propheten Jeremia: «Meine nächsten Bekannten warten alle darauf, dass ich stürze.» (Jer 20, 10) Der Prophet aber vertraut auf den Herrn: «Singt dem Herrn, rühmt den Herrn; denn er rettet das Leben des Armen aus der Gewalt der Übeltäter.» (Jer 20,13) Paulus konzentriert sich auf das kontrastierende Bild von Jesus Christus als dem zweiten Adam, durch den die erlösende Gnade Gottes in die Welt kommt. (Röm 5,12-15).
Im Evangelium ermutigt uns Jesus, Gott und seine erlösende Botschaft zu bezeugen: «Fürchtet euch nicht vor den Menschen! Denn nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird.» (Mt 10,26) Die Schrifttexte sind Ermahnungen für uns, um die neue Schöpfung zu bezeugen. Wir sind berufen, Boten der neuen Schöpfung zu sein im Hinblick auf die erlösende Menschwerdung Gottes. In seiner Enzyklika Magnifica Humanitas ruft Papst Leo jeden Einzelnen von uns auf, Verantwortung zu übernehmen und als Mit-Schöpfer zu wirken. Er ermahnt alle, sich für den Aufbau einer Zivilisation der Liebe einzusetzen, die der in unserer Zeit vorherrschenden Machtkultur entgegenwirkt: «Niemand ist ohne Verantwortung. Wir alle haben unsere Handlungsfelder, und genau dort – und nirgendwo sonst – müssen wir entscheiden, ob wir die Mentalität der Gewalt nähren (und sei es auch nur durch Gleichgültigkeit, Zynismus, Lügen oder Hass) oder ob wir die Gesinnung des Friedens bewahren (durch Wahrheit, Mässigung, Nähe und Fürsorge).» (Magnifica Humanitas, Kapitel 5).
