Meine "Stille Zeit"
Seit über 30 Jahren reist er rund um den Globus in Sachen Stille und Klang. Gordon ist überzeugt, dass die Stille auf unserer Erde unmittelbar von der Ausrottung bedroht ist. Nach seiner Definition ist Stille, wenn man mindestens 50 Minuten lang keinen von Menschen gemachten Laut hören kann. Nichts als die eigenen Laute der Natur oder der Atmosphäre. Wind, der durch die Bäume streicht, Wasser, das im Bach plätschert, Vogelgesang. Ob Hempton je in den Schweizer Bergen unterwegs war, habe ich mich da gefragt, natürlich weit ab von den gut besuchten Wanderwegen, so richtig in der Natur. Eine knappe Stunde keine Geräusche, ich kann es nicht definitiv sagen, ob das möglich ist, aber beim nächsten Mal, wenn ich alleine unterwegs sein sollte, werde ich darauf achten.
Aber dennoch eine Behauptung, die mich zum Nachdenken bringt. Keine Stille mehr. Wennich am Morgen um fünf Uhr für meine «Stille Zeit» aufstehe, dann öffne ich seit ein paar Tagen wieder das Fenster und geniesse das morgendliche Gezwitscher der Vögel, das aber regelmässig von vorbeifahrendem ÖV und sonstigem Verkehr angereichert wird. Keine Stille, nicht mal vor Sonnenaufgang. Dabei glaube ich, dass Stille in unserer Zeit so wichtig ist. Nicht nur die Stille für unsere Ohren, sondern Stille in uns, ein Pausieren der Betriebsamkeit, des ewigen Beschäftigtseins. Nichts tun, faulenzen, einfach so sitzen, schauen und sein, das können wir gar nicht mehr und mehr noch, wir fühlen uns falsch, wenn wir nicht beschäftigt sind. Es ist ein trauriges Bild, wenn im Zug oder egal wo jede und jeder sein Handy in der Hand hat und keiner mehr aus dem Fenster schaut oder man miteinander ins Gespräch kommt. Wer immer beschäftigt ist, ist nicht mehr offen – weder für sein Gegenüber noch für die Schönheit der Natur, die im Fenster des Zuges vorbeifährt.
Sind wir nicht auch innerlich oft unruhig, weil immer etwas los ist, weil wir planen müssen, weil wir lieber in der Zukunft als in der Gegenwart sind? Ohne Stille geht geistliches Leben nicht. Jesus ist da ein grosses Vorbild. Immer wieder zog er sich zum Gebet zurück, an einsame, stille Orte. Auch gab er denen, die ihn fragten, wie man beten soll, den Tipp: «Geh in deine Kammer und schliesse die Türe zu, dann bete.»
Stille ist ein heiliger Ort für unsere Seele, der unsere Sinne öffnet und uns spüren lässt, dass da mehr ist als der Lärm des Alltags. In der Stille zu sein und ruhig zu werden sind aber zwei unterschiedliche Dinge, denn erst in der Stille spüren wir, wie weit man entfernt sein kann von sich selbst und auch von Gott. Und wer sich in Meditation oder kontemplativem Gebet übt, der kann ein Lied davon singen, wie schwer es ist, die Stille zu finden und seine eigenen Gedanken zur Ruhe kommen zu lassen.
Ohne meine «Stille Zeit» am Morgen würde mir etwas fehlen und ich gebe sie gerne her, die eine Stunde Schlaf, bis der Rest der Familie erwacht. Ich habe die Erfahrung gemacht, wenn ich bei mir bin, ausgeglichen und ruhig, dann ertrage ich den Lärm des Tages viel besser. Vielleicht gönnen Sie sich schon lange Ihre «Stille Zeit», ein stilles Eckchen im Tagesablauf, um einfach wahrzunehmen: das Konzert der Vögel, die Geräusche des Sees, die Stimme der Seele. Vielleicht wäre es auch eine Idee für heute und morgen, ganz bewusst sich Zeit zu nehmen für die Stille.
