Mitten in der Welt – und auch jenseitig
Jesus ist nicht im Tod geblieben, sondern auferstanden. Das ist die grosse Hoffnung, die uns geschenkt wird, aber es ist nicht einfach, diese Wendung zu verstehen und zu glauben. Wenn wir zuerst von unseren menschlichen Gedanken ausgehen, dann stellen sich viele Fragen: Wir müssen diese Welt einmal verlassen und damit alles, was wir erlebt und gefühlt und geschaffen haben – ist dann all dies verloren und mit der Zeit vergessen, ein Menschenleben unter vielen anderen? Am Aschermittwoch wird uns diese Realität ungeschminkt vor Augen geführt: «Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst.»
Das Ziel vor Augen
Wir wissen es alle, und doch tun wir uns schwer, diese Realität anzunehmen: Unser Leben auf Erden ist begrenzt, es wird beendet durch den Tod. Der Schriftsteller Albert Camus schrieb in sein Tagebuch: «Mit dem Leben sind alle beschäftigt. Aber seines Sterbens Herr zu werden, darin liegt die Schwierigkeit.» Und der Philosoph Pierre Teilhard de Chardin gibt zu bedenken, dass es leichter sei, das Leben zu beginnen, als es gut zu Ende zu bringen. Das tönt pessimistisch, doch beide haben das Leben geliebt und haben an ein letztes Ziel geglaubt. Aber nicht in dem Sinne, dass unser Leben in irgendeinem Jenseits fortgesetzt wird, sondern dass es zu einer letzten Klarheit und Wahrheit gelangt, die wir im irdischen Leben nur erahnen können. Der Weg zu diesem Ziel ist für jeden Menschen mit Fragen und Zweifeln, mit Leiden und Tod verbunden. Der österliche Sieg über den Tod ist erst dann möglich, wenn wir diesen Prozess am eigenen Leib durchgemacht haben.
Diesseits und Jenseits
Papst Benedikt sagte einmal sinngemäss, dass die Christen zwar in dieser Welt lebten, aber auch einer anderen, jenseitigen Wirklichkeit angehören – das ist auf den ersten Blick schwer verständlich. Sollen wir auf ein Jenseits vertröstet werden, in dem alles besser sein wird, aber hier in dieser Welt haben alle ihr Schicksal zu ertragen, auch jene, die ausgenützt, unterdrückt und misshandelt werden? Alle Opfer müssen das aushalten, und alle Täter kommen ungeschoren davon? So war es nicht gemeint, einfach eine Fortsetzung dieses Lebens in ein anderes; vielmehr ist die Einsicht angesprochen, dass unsere Welt nie ideal sein wird, weil Gerechtigkeit und Friede wegen menschlicher Schuld und Schwächen und Fehler ein grosses Ziel sind, aber nur beschränkt erfüllt werden.
Das erfüllte Leben
«Ich will, dass sie das Leben haben, und es in Fülle haben», das verspricht Jesus jenen, die auf sein Wort hören und es im Leben befolgen. Alle Religionen haben eine Vorstellung von einer besseren Welt oder von einer letzten Erfüllung. Dabei soll das irdische Leben nicht einfach vergessen oder ausgelöscht werden, im Gegenteil, nichts von all dem Guten soll verloren gehen, sondern zur letzten Klarheit geführt werden, und alles Leiden soll beendet werden. Im Glaubensbekenntnis ist der Satz enthalten: «Er kommt zu richten die Lebenden und die Toten.» Leider wurde das oft falsch verstanden oder gedeutet, als strafendes Gericht Gottes. Dabei ist es eine wunderbare Hoffnung: Jesus, unschuldig hingerichtet, wird die Welt gerecht ordnen, mit Empathie zu den Menschen und mit Erbarmen, für die Opfer anders als für die Täter – das dürfen wir aber getrost Gottes Weisheit überlassen. Es wird ein unverhofftes Wiedersehen sein, voller Freude, wie Jesus es verspricht: «Ihr seid jetzt traurig, aber ich werde euch wiedersehen; dann wird euer Herz sich freuen, und niemand nimmt euch eure Freude.» (Joh 16,22). Diese Hoffnung möge uns in den Kar- und Ostertagen begleiten!
