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Oben ohne...

04. März 2022
Oben ohne...
ohne Maske, Zertifikate, gravierenden Einschränkungen?

Vermutlich geht es Ihnen wie mir (aus meiner Perspektive ist der heutige Tag der erste «oben ohne»): Es gilt sich wieder neu zu gewöhnen an all die – hoffentlich – freundlichen Gesichter. Wir müssen vielleicht auch neu herausfinden, wie nah wir wieder einander kommen wollen, ob wir uns wieder mit drei Küsschen begrüssen oder bei der Begrüssung am Ellbogen bleiben. Die notwendige Distanzierung der letzten zwei Jahre hat ihre Spuren hinterlassen, nicht nur im privaten und beruflichen Sektor, sondern auch im kirchlichen Rahmen. Wir sind froh, dass wir jetzt nicht mehr Gottesdienste für «Zertifizierte» und «Nichtzertifizierte» anbieten müssen und wir so auch mit den jetzt wieder bedingungslosen Veranstaltungen unsere Gemeinschaft untereinander und damit auch mit Gott wieder stärken können – ohne Ausgrenzung, Distanz, Ärger und Frustration.

Wir danken Ihnen und euch für diese Zeit des Durchhaltens und auch des Verständnisses. Und jetzt? Wenn wir ehrlich hinschauen, ist nicht mehr alles wie vorher. Mir erscheint es so, als hätte die Pandemie viele Menschen noch mehr auf Distanz zur Kirche gehen lassen. Nicht nur wegen der Massnahmen, sondern auch aus einer persönlichen Erkenntnis heraus, dass sie für ihr eigenes Leben eine immer geringere Bedeutung hat. Wobei dies nicht immer gleichzusetzen ist mit einer Entfernung vom Glauben. Die aktuellen kirchlichen Themen kommen für viele erschwerend hinzu. Der Synodale Prozess mit dem Titel «Wir sind Ohr» hat viel von dem gezeigt, an dem die Menschen von heute zu kauen haben – nicht nur diejenigen «ausserhalb», sondern auch «innerhalb» der Kirche. Der Ruf nach Gleichberechtigung in Ämterfragen, mehr Partizipation und Teilhabe in Entscheidungsprozessen und der Gestaltung der Zukunft, sowie ein Ernstnehmen gesellschaftlich aktueller Fragen. Wie drängend und wichtig nicht nur das Hinhören, sondern auch ein Handeln ist, hat in Deutschland die Aktion #outinchurch gezeigt.

Über 100 Personen im kirchlichen Dienst – Priester, Religionslehrer, Ordensleute, Sozialarbeiter – haben sich als homosexuell, bi, transgender usw. geoutet; im Wissen, dass sie damit ihre Anstellung riskieren. Gleichzeitig zeigt es aber die Realität, in der sich Kirche heute befindet und die nicht weiter vertuscht oder verdrängt werden kann, sondern der wir uns alle stellen müssen. Und zuletzt und vor allem tragen die Missbrauchsskandale, die uns aktuell immer wieder in den Medien begegnen, dazu bei, dass immer mehr Menschen auf Distanz zur Kirche gehen. Sie haben grosse Mühe sich mit einer Kirche zu identifizieren, in der nicht nur solche schrecklichen Verbrechen stattgefunden haben und teils noch stattfinden, sondern in der diese oft verharmlost und durch einfache Versetzung aufs Neue in Kauf genommen worden und so nicht die Opfer begleitet, sondern die Täter geschützt worden sind. All das stellt die kirchliche Glaubwürdigkeit immer mehr in Frage. Angesichts dieser Fülle an grundlegenden Themen entsteht immer mehr ein Verständnis für all diejenigen, die auch in dieser Hinsicht für sich eine neue Freiheit entscheiden – oben ohne, ohne Kirche – ihren Glauben zu leben.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Mir geht es nicht um Schwarzmalerei oder reine Frustration. Sondern mir geht es darum, deutlich zu machen, dass ein Zurück zu den alten Gewohnheiten offenbar nicht mehr möglich ist. Wir müssen uns im Gesamten dieser neuen Realität (die in Wahrheit leider schon eine alte ist) miteinander stellen. Doch wie gelingt uns das? Ich glaube vor allem, indem wir in vielerlei Hinsicht anfangen, bewusst Distanzen zu überwinden. Indem wir die Augen aufmachen angesichts dieser Realität und gemeinsam nach Möglichkeiten suchen, wie es anders werden kann; wo ich persönlich dazu beitragen kann, dass wir als Glaubensgemeinschaft an Glaubwürdigkeit zurückgewinnen. Indem wir die Perspektive verändern auf all jene, die sich abgewendet haben und gerade im Begriff sind, und sie in ihren Bedürfnissen, aber auch ihrer Wut ernst nehmen. Vor allem glaube ich, geht es auch darum, die Distanz zu Gott zu überwinden. In vielem hat sich eingeschlichen, dass wir, anstatt uns genau am Verhalten von Jesus zu orientieren, Gefahr laufen unseren eigenen Regeln, Erwartungen und Traditionen folgen. Suchen wir aufs Neue die Nähe – zuerst zu Jesus Christus und mit ihm zu den Menschen.

Tobias Zierof