Mit genauester Aufmerksamkeit wird jeder Blick, jedes Wort, jede liturgische Geste des neuen Papstes beobachtet, interpretiert und bewertet.
In den sozialen Medien werden Videos von der Papstwahl und der Amtseinführung gepostet, das Augenwasser und das Zucken der Mundwinkel analysiert. Auch aus seiner Vergangenheit werden Fotos und Videos ausgegraben, jedes gesprochene und geschriebene Wort wird untersucht und bewertet. Eine weisse Weste wird erwartet, bloss keine Fehlentscheidungen oder kritischen Momente sollten auftauchen. Die Erwartungen an den neuen Papst sind übermenschlich: die einen hoffen auf Reformationen, die anderen erwarten, dass alles beim Gewohnten bleibt oder man sich wieder mehr auf das Wesentliche besinnt, und nebenbei könnte Papst Leo auch noch den Weltfrieden schaffen. Papst Leo steht in einer langen Reihe von Männern, die vor ihm dieses Amt innehatten.
In den nächsten Tagen feiern wir das grosse Apostelfest der beiden Männer der Urkirche: Petrus, Paulus, die ganz am Anfang dieser Reihe stehen.
Was mich immer wieder beruhigt, dass uns hier keine Superhelden präsentiert werden, sondern Menschen mit Geschichten. Der eine vom Fischer zum Jünger (Schüler) hin zum Apostel (Gesandter), der andere vom radikalen Eiferer gegen die Christen zum eifrigen Zeugen und Gemeindegründer. Petrus hat so viel «Dreck» an der Weste, vom mehrfachen Versagen hin zum Verleugnen in der wichtigsten Stunde. Dennoch bekam er von Jesus den Auftrag, die Herde in die Zukunft zu führen.
Diesen Auftrag erhielt auch der neue Papst, als er den Fischerring ansteckte und sich auf den Stuhl Petri setzte. Bei all den Erwartungen und Hoffnungen, die in ihn gesetzt werden, wären mir ehrlich gesagt auch die Tränen gekommen. Ich wünsche ihm viel Kraft, all diese Erwartungen auszuhalten und weise zu handeln. Doch die Zukunft der Kirche liegt nicht nur in seiner Hand, verantwortlich sind auch wir hier in Arbon. Den Glauben zu leben, den Worten Jesu zu folgen, zusammen zu beten und das Leben mit all seinen Facetten immer wieder im Licht des Glaubens zu feiern, das ist unsere Aufgabe. Wir sind heute die Apostel, die Gesandten Jesu. Wir sollen vor Ort, da wo wir sind, in unserem ganz alltäglichen Leben, den Glauben und die Hoffnung an IHN leben und bezeugen. Verlieren wir nicht den Mut, wenn Fehler passieren, sondern sind wir grossherzig mit uns selbst, wie auch mit dem Papst in Rom.