Seit einiger Zeit habe ich den Eindruck, dass diese Frage aktuell eine der zentralsten unserer Gesellschaft ist.
In Gesprächen oder auch in Analysen in den Medien ist immer öfter die Rede davon, dass wir heutzutage nicht nur sehr stark zeitlich gefordert sind, sondern dass auch zusätzlich etwas anderes zugenommen hat: die Individualisierung. Wo in früheren Jahren – wenigstens gefühlt – das «Wir» und das Denken in grösseren Zusammenhängen und Gemeinschaften stärker ausgeprägt war, bekommt man den Eindruck, dass heute viel stärker das Individuum im Fokus steht. Es geht um Selbstverwirklichung, Erfolg, individuelle Förderung (v.a. in der Schule). Konkret:
Es geht um mich, meine persönlichen Vorstellungen, Wünsche und Bedürfnisse. Und ich glaube, uns allen ist klar, dass zwischen Individualismus und Egoismus manchmal keine Handbreit mehr liegt. Was habe ich davon…? So ertappe auch ich mich immer wieder dabei, dass ich mir diese Frage stelle. Besonders deutlich passiert mir das (und wie ich weiss, auch anderen), im Bereich von Schulungen und Weiterbildungen. Wenn es mir nichts oder wenig bringt, warum soll ich dann hier meine kostbare Zeit investieren? Wir sind heute angesichts unserer persönlichen Wünsche, beruflicher oder privater Verpflichtungen und gesellschaftlicher Erwartungen scheinbar so eingespannt, dass wir am Ende mit unserer Zeit sehr sorgsam versuchen umzugehen – und nicht selten eben sogar: egoistisch.
Die letzten Tage haben mir aber wieder ein ganz anderes, hoffnungsvolles Bild gemacht. Dreimal war ich an Dankesfesten für Mitarbeitende und vor allem ehrenamtlich Engagierte in unseren Pfarreien eingeladen. Dreimal wurde ich wieder aktiv daran erinnert, wie viele Menschen regelmässig ihre Zeit für andere investieren und mit grosser Freude und Kraft dazu beitragen, dass unsere Pfarreien lebendig sind und ausstrahlen können. Die Frage «Was habe ich davon…» habe ich in diesem Zusammenhang noch nie gehört. Stattdessen glaube ich, dass sie intuitiv und manchmal recht unbewusst aus einer anderen Frage heraus handeln. Und das hat mich zum Nachdenken gebracht:
«Was habe ich zu geben?»
Oder: «Wie können andere von mir, meiner Freude und auch meinen Fähigkeiten profitieren?» – Das ist die Grundhaltung, welche ich bei all diesen weit über 100 anwesenden (und weit mehr eingeladenen) aktiven Leuten gespürt habe. Und das begeistert mich und macht mich dankbar. Nicht nur, weil ich weiss, dass wir für unser Pfarreileben auf jene Leute angewiesen sind und ihre Arbeit eben nicht selbstverständlich ist. Vor allem macht es mich dankbar, weil all diese Menschen uns daran erinnern, dass es eben auch anders geht. Denn mit unserem individualistischen Denken wollen wir ja im Kern glücklich werden. Wenn ich mir jedoch all die Ehrenamtlichen anschaue, muss ich zugeben: Offenbar macht dieses Dasein für andere noch um Welten glücklicher, denn sie strahlen von innen heraus – unaufgeregt und zufrieden.
Was habe ich davon? Das nächste Mal will ich mich an all das erinnern und als nächstes bewusst fragen: «Was habe ich denn zu geben, damit hier andere von mir profitieren können?»