Zum Hauptinhalt springen

Sinnenhaftes Glaubensspiel

07. Juni 2022
Sinnenhaftes Glaubensspiel
In diesem Sommer besuche ich wieder die Oberammergauer Passionsspiele in Bayern. Alle zehn Jahre werden diese aufgeführt, diesmal zwei Jahre später wegen der Pandemie.

Diese Tradition geht auf das Pestjahr 1634 zurück; da legten die Oberammergauer das Gelöbnis ab, dass sie alle zehn Jahre das Leben und Sterben Jesu durch ein Spiel in die Gegenwart holen wollten, um damit künftig von der Pest verschont zu bleiben. Mittlerweile sind die Passionsspiele zu einem Publikumsmagnet geworden, es reisen auch Interessierte aus den Vereinigten Staaten an. Da stellt sich die Frage, ob die Spiele zu einem Theaterstück geworden sind, das auch an anderen Orten aufgeführt werden könnte. Nein, auch für mich als kritischem Zuschauer war es ein berührendes Glaubenserlebnis an diesem Ort.

Sinnliche Erfahrungen des Glaubens

In der katholischen Kirche hatten die Gläubigen schon seit Jahrhunderten das Bedürfnis, nicht nur das Wort der Bibel zu hören, sondern auch sinnenhaft zu erleben, was mit dem Intellekt nicht zu erfassen ist. Prozessionen und Wallfahrten sollten sowohl die Glaubensfreude als auch die Nöte der Menschen vor Gott bringen. Es gibt viele Beispiele: Der Auffahrtsumritt in Beromünster mit rund 200 Reitern und einer Pilgerstrecke von 18 Kilometern soll die Menschen vor Missernten, Hagel und Seuchen bewahren. Am Pfingstdienstag beteiligen sich über zehntausend Pilger an der Echternacher Springprozession in Luxemburg: drei Schritte vor, zwei Schritte zurück als Sinnbild für besonders mühsame Prozesse, bei denen viele Rückschläge auszuhalten sind. Am Karfreitag tragen 600 Mitglieder der Pfarrei Mendrisio Standbilder des toten Christus und der Schmerzensjungfrau durch die Strassen, die Menschen verneigen sich, drei Musikgesellschaften spielen eindrückliche
Trauermärsche.

Jesus als emotionaler Mensch

Das Passionsspiel in Oberammergau unterscheidet sich von den genannten Prozessionen dadurch, dass es in den Aufführungen das gesamte Leben Jesu in den Blick nimmt. Da musste sich der heutige Spielleiter Christian Stückl gegen massiven Widerstand durchsetzen: «Ich finde, es sollte auch um die Lebensgeschichte Jesu gehen, darum, was er gesagt und getan hat.» Vor allem war es sein Anliegen, das Spiel von der antisemitischen Prägung zu befreien: Die Juden sind schuld am Tod von Jesus. Pilatus kann sich in der neuen Fassung nicht mehr die Hände in Unschuld waschen –
theologisch schon seit Langem klar: Ohne römischen Befehl wäre Jesus nicht gekreuzigt worden. Die 1400 Mitwirkenden sollten alle aus Oberammergau stammen, die Männer müssen sich ein Jahr vor den Spielen den Bart wachsen lassen, in diesem Jahr spielen auch zwei Muslime in wichtigen Rollen mit. Die wunderbaren Gesänge geben dem Spiel sowohl einen feierlichen wie auch einen meditativen Rahmen. Man kann sich fragen, was die Oberammergauer Passionsspiele der heutigen Zeit und Gesellschaft zu sagen haben. Immerhin soviel: Die Lebens- und Leidensgeschichte Jesu kann dem heutigen Menschen (nicht nur dem religiösen) helfen, sich in seiner rätselhaften Existenz und in einer verwirrenden Welt zurechtzufinden und einen Sinn zu erkennen. Darum freue ich mich
auf dieses sinnliche Glaubenserlebnis.

Matthias Rupper