Der Weg zu Ostern
auch wenn die Familienkontakte nicht immer einfach sind, so kann man sich den Traditionen doch nicht ganz entziehen. Ostern bleibt klar zurück, es hat in unseren Zeiten auch keinen klaren Rahmen, wir können die Tage gestalten, wie es uns beliebt – Tage im Tessin oder im Schnee, Velotouren bei Frühlingswetter, Städteflüge oder Treffen mit Freunden usw.
Was Ostern in der Gesellschaft bedeutet
Früher konnten noch bei den meisten von Familie und Religionsunterricht her Grundkenntnisse vorausgesetzt werden, heute sind diese bei vielen nicht mehr vorhanden: Karfreitag und Ostern werden durcheinandergebracht, manchmal kommt auch noch Auffahrt oder Pfingsten dazwischen. Nun geht es nicht zuerst um das religiöse Wissen, sondern um die Bedeutung, die das Osterfest in der heutigen Gesellschaft hat. In der Coop-Wochenzeitung war letzte Woche zu lesen: «Ostern geht durch den Magen. An diesem Fest dreht sich eigentlich alles ums Essen.» Es werden dann schon religiöse Bezüge aufgezählt: «Karfreitag isst man vielerorts Fisch und verzichtet auf Fleisch. Der Fisch ist das älteste Symbol des Christentums. Am Sonntag kommt dann gerne wieder Fleisch in Form eines Osterlamms auf den Tisch.» Was auf das jüdische Pessachfest zurückgeht: die Erinnerung an den Auszug aus Ägypten. Und das Süsse darf auch nicht fehlen: «Die Rolle der Süssspeisen ist nicht minder relevant. Dazu gehören Osterfladen aus Hefeteig oder ein Osterzopf.» Dass eine Lebensmittelkette ihre Osterprodukte anpreisen will, ist verständlich; und schön, wenn die Osterfreude auch bei einem feinen Essen zum Ausdruck kommt.
Ostern in Glaube und Religion
Wenn wir die Karwoche und Ostern religiös betrachten, so ist uns allen einsichtig: Ostern kann nicht ohne den Karfreitag betrachtet und gefeiert werden. Tod und Auferstehung, Karfreitag und Ostern gehören unlöslich zusammen. Wobei es bei den grossen christlichen Kirchen unterschiedliche Akzente gibt: Für evangelische Christen ist der Karfreitag der höchste Feiertag im Kirchenjahr, denn die Reformatoren haben besonders das Kreuz betont, durch das Kreuz Jesu sind wir erlöst. Darum ist für sie der Karfreitag die Mitte des Kirchenjahres. Für katholische Christen steht Ostern im Zentrum, die Auferstehung Jesu ist Sinnbild für einen menschenfreundlichen Gott, der stärker ist als der Tod und alle tödlichen Kräfte in unserer Welt. In der Theologie und auch in der Liturgie haben sich die Standpunkte angenähert: Viele reformierte Kirchgemeinden feiern zwar nicht die Osternacht, aber einen Ostermorgengottesdienst, der an den Gang zum Grab des auferstandenen Jesus erinnert. Und der Karfreitag ist auch bei den Katholiken ein arbeitsfreier Tag geworden, denn am Kreuz Jesu und an den vielen Kreuzen in der heutigen Welt kann man nicht achtlos vorbeihuschen.
Tod und Auferstehung Jesu
Die letzten Tage Jesu sind ein menschliches Drama: Ein junger Mann, überzeugend im Reden und Handeln, wird wie ein Verbrecher ermordet, das Kreuz war die schlimmste Tötungsart. Die jüdische Oberschicht wollte ihn weghaben, weil er in ihren Augen das jüdische Gesetz auflösen wollte. Die Leute, die ihn am Palmsonntag noch bejubelten, lassen sich verführen und fordern auch seinen Tod. Pilatus drückt sich feige weg, er hätte den Tod von Jesus verhindern können. So ist das Ende von Jesus für die Jünger und alle, die ihre Hoffnung auf ihn gesetzt hatten, eine grosse Katastrophe, das Ende all ihrer Hoffnung, auch eine riesige Enttäuschung. Wie weiter – sie wissen es nicht.
Durch das Dunkel zum Licht
Jene, die den Glauben an den Auferstandenen als erste verkündeten, mussten eine Erfahrung machen und einen persönlichen Weg gehen: Maria Magdalena geht in Trauer und Verzweiflung zum Grab, glaubt nicht an eine Wende. Den Auferstandenen hält sie für den Gärtner, erst als sie von ihm angesprochen wird, gehen ihre Augen auf. Thomas ist ein moderner Mensch, er möchte Beweise, nicht fromme Sprüche. Jesus gewährt ihm den Beweis, die Begegnung mit dem Auferstandenen übersteigt sein Erkenntnisvermögen – und das jedes Menschen. Und die Frauen empfinden zuerst nicht Freude, sondern müssen ihre Angst überwinden. Dann staunen sie, immer noch fast ungläubig: Doch, es ist wahr, er ist auferstanden. Der Durchbruch bei allen ist vergleichbar: Sie müssen ihre Gedanken und Gefühle überwinden und zurücklassen, dann ist ihr Blick frei und ihr Herz offen für die Wahrheit der Auferstehung: Alles ist überwunden, Leid und Trauer, Angst und Zweifel, Enttäuschung und Resignation.
Persönliches Ostern
Ostern ist nicht einfach die Erinnerung an ein Geschehen vor langer Zeit, die Ostererfahrung ist auch uns heute möglich. Was der Karfreitag uns in unserem Leben zumutet, das vermag die Hoffnung von Ostern nicht zu vertreiben: Gott geht unseren Kreuzweg mit und stärkt uns im Vertrauen, dass neues Leben aufbricht, auch dort, wo wir es nicht sehen und nicht glauben können. Das ist mein persönliches Ostern, und das schenkt mir Sinn für meinen Lebensweg.
