Fasten
Sie sehen an ihrem Körper, dass täglicher ungebremster Konsum sich nicht vorteilhaft auswirkt und wollen sich wieder fit trimmen. Das eine ist das Erscheinungsbild, das wir abgeben, das andere ist die Einsicht, dass unser Körper von Zeit zu Zeit eine Entschlackung braucht – «Dry January» ist ein heute oft gehörtes Wort nach den Festtagen.
Fasten in christlicher Tradition
Vor Ostern gibt es die 40-tägige Fastenzeit, sie soll uns innerlich auf Ostern, das wichtigste christliche Fest, vorbereiten. Sie hat ihren Ursprung im 40-tägigen Fasten von Jesus in der Wüste (Mt 4,2). Da wollte Jesus Klarheit gewinnen, was seine Bestimmung und sein Auftrag war; für ihn war es nicht einfach eine Bussübung, sondern eine schwierige Zeit, denn es heisst, dass er vom Teufel in Versuchung geführt wurde. Dieser Aspekt gilt wohl für das Fasten zu jeder Zeit und in jeder Religion: die Versuchungen zu erkennen, die wir im Alltag übersehen.
Fasten im Lauf der Geschichte
Für die ersten Christen war das Fasten die Vorbereitung auf die Taufe; am Freitag, dem Todestag Jesu, wurde gefastet, insgesamt gab es aber nur drei Fasttage. Nachdem das Christentum durch Konstantin offiziell anerkannt war, wurde die 40-tägige Fastenzeit verbindlich festgelegt mit klaren Regeln: einfache Mahlzeiten, kein Fleisch, keine Milch oder Eier. Im Mittelalter wurde es durch den Einfluss der Klöster strenger: Fisch war erlaubt, Fleisch und Milchprodukte waren verboten, in manchen Gebieten gab es als Ausgleich das so genannte «Fastenbier». Die Reformation im 16. Jahrhundert lehnte die Fastenregeln mehrheitlich ab, Passionszeit heissen die vorösterlichen Tage, und auch in der katholischen Kirche gab es in der Folge Lockerungen. Die heutige Praxis in der katholischen Kirche wurde durch Papst Paul VI. im Jahre 1966 begründet: Die Fastenpflicht wurde stark reduziert, als verpflichtende Fasttage blieben nur Aschermittwoch und Karfreitag. Ein wichtiger neuer Aspekt wurde erkannt: das geistliche Fasten. Es geht nicht nur um Essen und um Alkohol und Rauchen, sondern ebenso sehr um Zerstreuung oder Abhängigkeit von sozialen Medien oder von Vergnügungsangeboten: Handy-, Computeroder Autofasten und mehr.
Fasten in den Weltreligionen
So wie es verschiedene Richtungen im Judentum gibt, so ist auch die Praxis beim Fasten sehr unterschiedlich – von sehr strikt bis gar nicht. Der höchste jüdische Feiertag Jom Kippur ist ein strenger Fasttag und wird von der Mehrheit der Juden eingehalten, auch von jenen, die nicht praktizieren. Gefastet wird 25 Stunden lang, verboten sind Essen und Trinken, sexuelle Kontakte, Körperpflege und Luxusgegenstände, dazu Radio- und Fernsehkonsum. Daneben gibt es noch kürzere weitere Fastenzeiten, jeweils vom Morgengrauen bis zum Sternenaufgang. Im Islam gehört das Fasten zu einer der fünf Säulen des Glaubens. Der Fastenmonat heisst Ramadan. Alle Muslime, die religionsmündig sind (ab etwa 14 Jahren), müssen sich daran halten; vom Morgengrauen bis Sonnenuntergang sind Essen, Trinken, Rauchen und Geschlechtsverkehr verboten. Abgeschlossen wird der Ramadan, der sich am Mondkalender orientiert (nur 354 Tage im Jahr), durch das dreitägige Fest des Fastenbrechens; da werden auch die Kinder beschenkt, so etwas wie Weihnachten im Islam. Auch der Hinduismus und der Buddhismus kennen Fastenzeiten. Bei einem Hindu-Ritual durch kompletten Verzicht auf Nahrung wird sogar der Tod in Kauf genommen, vielleicht vergleichbar mit dem Sterbefasten in unseren Kreisen. Im Mai oder Juni sind buddhistische Fastentage; dann wird der Geburt, des Todes und der Erleuchtung Buddhas gedacht.
Kirchliche Fastenordnung und Sinn des Fastens
Das Kirchenrecht verpflichtet auch heute noch die katholischen Gläubigen zum Fasten: Sie sind «aufgrund göttlichen Gesetzes gehalten, Busse zu tun» (CIC 1249). An allen Freitagen (Todestag von Jesus) wird der Verzicht auf Fleisch gefordert, strenge Fasttage sind Aschermittwoch und Karfreitag. Sonst schreibt die Kirche nicht detailliert vor, wie gefastet werden soll. Die Regeln sind gelockert worden, und es wird auf Einsicht und Verständnis der Menschen gesetzt. Zum nur körperlichen Fasten hat man glücklicherweise den Gedanken des geistigen Fastens aufgenommen und entwickelt. Denn was nützt der Verzicht auf Nahrung, wenn ich nicht auch bereit bin, eine Spende zu geben für alle Menschen, die jeden Tag um die tägliche Nahrung kämpfen müssen. Und genau so sollen wir prüfen, wo und wie wir einkaufen, denn da geht es um gerechte Preise und um den Widerstand gegen ungerechte Kinderarbeit. Und Fasten umfasst auch unseren Umgang mit den Mitmenschen im normalen Alltag und auch um politische Einstellungen gegenüber Menschen, die oft Arbeiten übernehmen, die wir nicht ausüben wollen. Es ist gut, dass es eine persönliche Entscheidung ist, das Fasten als eine Zeit der Besinnung und der Busse zu gestalten, Gewohnheiten zu überdenken und auf all das, was uns nicht gut tut, zu verzichten. Fastenzeit – eine Chance, sich auf das Wesentliche zu besinnen, auf Dinge und Gewohntes zu verzichten, zu einer tieferen Sicht des Lebens zu gelangen und den Glauben an Gott zu stärken. Eine hoffnungsvolle und ermutigende Fastenzeit für uns alle!
Fastenzeiten wagen
unseren Alltag unterbrechen
bewusst innehalten und
unseren Blick schärfen um
wahrnehmen zu können was
uns tief im Herzen bewegt und
wieder spürig zu werden für das
was uns wirklich nährt und
unseren Hunger nach Leben
wahrhaft zu stillen vermag
einen ehrlichen Blick wagen
in unser Herzland und auch
die Wüstenbereiche darin
nicht ausklammern
unsere Grenzen und Schwächen
annehmen und aushalten üben
und uns so wie wir sind
ganz auf GOTT hin öffnen
auch da wo es nicht leicht fällt
unsere Hoffnung auf IHN setzen
zu vertrauen wagen dass ER uns
durch alle Wüsten hindurch in
ein Leben in Fülle führen wird
© Hannelore Bares
