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Geht’s noch?

02. September 2022
Geht’s noch?
Im Tagblatt hat mich ein Artikel letztens sehr zum Nachdenken gebracht.

Es ging um die Arbeitssituation und Erfahrungen von Mitarbeitenden einer grossen, bekannten Firma. Unter neuer Führung soll diese wieder neu florieren. Erst folgten grosse Entlassungswellen und nun herrscht ein bedrückendes Arbeitsklima. Im Artikel heisst es, viele würden es nur ein paar Wochen aushalten. Hohe Erwartungen und Druck hätten zu einer Atmosphäre der Angst geführt. Je weiter ich diesen Artikel las, umso schlimmer wurden die Schilderungen und je mehr hat mich das aufgewühlt. Es bleibt für mich unvorstellbar, dass auf solche Art an vielen Stellen mit Mitarbeitenden umgegangen wird, sie massiv unter Druck gesetzt werden, Wertschätzung keine Selbstverständlichkeit ist und letztlich offenbar der Profit über alles andere geht.

Dann sind mir Erzählungen anderer Personen wieder in den Sinn gekommen. Jemand hat mir berichtet, dass einige Firmen an den Online-Video-Konferenzen nicht nur aus ökologischen Gründen festgehalten haben. Aus Zeitmangel werden nun teils mehrere Meetings online parallel abgehalten und einige müssen dann gleichzeitig an zwei oder mehr Konferenzen teilnehmen: ohne Rücksicht auf diese Überforderung. Aus der Pandemie hatten wir auch gelernt, dass unser Tempo und die Arbeitslast viel zu hoch sind. Inzwischen habe ich den Eindruck, wir haben diese Erkenntnis wieder vergessen – wir rennen noch mehr von Termin zu Termin, Verluste aus der Pandemie müssen wieder eingeholt werden, Arbeitnehmende stemmen durch fehlende Fachkräfte noch mehr Arbeitslast… und die Folge: Burnout zieht immer weitere Kreise. Mich macht es fassungslos, wenn ich höre, dass bereits Menschen Anfang 20 in entsprechenden Kliniken sind; ausgebrannt und auch teils ohne Perspektive. Denn fast allen wurde nach Ablauf der entsprechenden Frist gekündigt, obwohl in vielen Fällen die Arbeitssituation zum Burnout mindestens beigetragen hat. Jetzt werden sie mit ihren Problemen allein gelassen.

Jesus Christus hat uns hier ein ganz anders Vorbild vorgelebt. Sein Ziel – und damit auch unser Auftrag – war, «das Leben in Fülle» (Joh 10,10). In seiner Nachfolge braucht es heute unsere ganze Kraft – angefangen als Vorgesetzte, Mitarbeitende aber auch als Teil der Gesellschaft – um hier etwas zu verändern. Die Haltung von Mitmenschlichkeit, Verantwortung und Wertschätzung darf nicht dem Geltungs- und Profitdenken auf Kosten so vieler geopfert werden. Wir sind es, die das Menschenbild Jesu heute vorleben und zum Massstab machen müssen. Nehmen wir die Verantwortung als Christen ernst. Machen wir den Unterschied!

Tobias Zierof