Gewalt verhindern

16. September 2022
Gewalt verhindern – Frieden schaffen

Am Bettag wird uns in diesem Jahr stärker bewusst, dass Freiheit und Frieden ein hohes Gut sind, die immer neu gelebt und bewahrt oder erkämpft und erbeten werden müssen. Seit einem halben Jahr sind wir auch in Europa mit brutaler Gewalt konfrontiert, so wie wir es kaum mehr für möglich gehalten haben. Damit stellt sich grundsätzlich die Frage, wie wir mit Gewalt umgehen und wie wir sie konstruktiv bekämpfen können. Reto Müller, der während meiner Zeit dort Pfarrer in Schwyz war, hat kürzlich in der Kolumne der Schwyzer Lokalzeitung einen klugen und tiefsinnigen Artikel verfasst. Auf Anfrage stellt er seine Gedanken auch uns zur Verfügung – ein sinnreicher Impuls auch zum Bettag. 

Matthias Rupper

«Dilemma Gewalt»

Soll Deutschland schwere Waffen in die Ukraineliefern? Macht sich der Westen mitschuldig, wenn dadurch der Krieg nur verlängert wird und noch mehr Tote fordert? Ein aktuelles Dilemma. Hat nicht jeder Versuch, mit Waffengewalt einen Konflikt zu lösen, zu seiner Verschärfung geführt? Ist nicht Aufrüstung als Eindämmung von möglicher Gewalt praktisch immer gescheitert? Ein Dauer-Dilemma. Die christliche Ethik legt eindeutig das Gesicht auf gewaltlosen Widerstand, auf Vergebung und Versöhnung, notfalls auf Verzicht auf das eigene Recht und sogar auf das eigene Leben. Ein existenzielles Gewissens-Dilemma. Aber mit der Bergpredigt kann man nicht regieren, meinte der deutsche Kanzler Helmut Schmidt. Realpolitisch muss man wohl Gewalt verhindern und stoppen. Wie? Das ist das konkrete Dilemma.

Ein Terrorist kapert ein Passagierflugzeug und will es auf ein vollbesetztes Sportstadion abstürzen lassen. Darf ein Abfangjägerpilot diese gekaperte Maschine mit 164 Personen abschiessen, um die 70‘000 im Stadion zu retten? So der Stoff des Stücks von Ferdinand von Schirach, das uns am Fernsehen aufgewühlt hat. Thema all seiner Bücher und Filme ist es, das Dilemma zwischen Gesetz und Moral aufzuzeigen und uns aufzurütteln, damit wir nicht allzu einfache Bauchentscheide fällen, deren Konsequenzen wir kaum abschätzen können.

Muss man, bei aller Sympathie für die Ukraine und aller Abscheu für Putins Angriff, nicht auch anmerken, dass die westliche systematische Geringschätzung Russlands und Abwertung als Weltmacht den Stolz der russischen Nation getroffen hat? Gewalt hat immer eine Vorgeschichte; sie ist fast immer eine Reaktion. Wir müssen, um sie zu verstehen und auszuschalten, früh ansetzen, präventiv. Im Justizvollzug hat das längst begonnen, wenn Kindheit und Entwicklung eines Täters in die Beurteilung einbezogen werden.

Für «mein» Gebiet denke ich oft, es sei leider nachvollziehbar, dass Gläubige sagen, sie seien lange genug von der Kirche bevormundet, mit Drohungen erzogen und mit Angst gegängelt worden; deshalb wollten sie jetzt ihre Freiheit geniessen und dem eigenen Gewissen folgen. Die Geschichte zeige ja oft genug, wie Päpste und Priester geirrt und gefehlt hätten. Wahrhaftigkeit ist der beste Weg, Gewalt zu verhindern. Ehrlichkeit und Vergebung, Demutund Barmherzigkeit, Gleichberechtigung und Menschenfreundlichkeit sollten die Werte sein, die wir vertreten (und zuerst selber leben!), nicht Autorität und Strafe, nicht Gehorsam und Konsequenz, nicht Unterwerfung und Verurteilung, nicht Zurückschlagen und Besiegen.

Eine indianische Weisheit sagt, wir hätten zwei Hunde in uns: einer wedelt mit dem Schwanz und schaut uns treuherzig an, der andere knurrt und fletscht die Zähne. Der, den du fütterst, wird stärker. Wir haben täglich ein Dilemma.»

Reto Müller, Spitalpfarrer in Schwyz

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