Hat Gott Humor?

22. Juli 2022
Das ist eine komische Frage, denn das kann man nicht beantworten, Gott ist ja kein Mensch.

Wie können wir da Gott menschliche Gefühle zuordnen? Obwohl es in der Bibel schon menschliche Bilder gibt: «Der Herr ist mein Hirte». Oder: «Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt, dann wird er sich auf den Thron setzen. Und alle Völker werden vor ihm zusammengerufen werden, und er wird sie voneinander scheiden.» Gott – der gute Hirte; Gott, der Richter am Ende der Zeit – aber das sind «Rollen», die Gott biblisch zugeordnet werden. Doch mit Humor haben sie nichts zu tun, das sind ernsthafte Aussagen über Gott und sein Wirken.

Heute schon gelacht …?

Unterhalb der katholischen Kirche in Romanshorn sind einige Tafeln aufgestellt, jede mit der Überschrift «Heute schon gelacht …?» Es sind lustige Witze aus dem kirchlichen Bereich, zwei Beispiele: «Ein Junge prahlt: Mein Onkel ist Pfarrer und alle sagen «Hochwürden» zu ihm. Ein anderer Junge meint darauf: Mein Onkel ist Kardinal und alle sagen «Seine Eminenz» zu ihm. Hans sagt unbeeindruckt: Mein Onkel wiegt 210 Kilo. Wenn wir unterwegs sind, sagen die Leute: «Allmächtiger Gott!». Das zweite Beispiel: «Zwei Schüler auf dem Schulhausplatz. Sagt der eine: Betet ihr zuhause vor dem Essen? Antwortet der andere: Nein, nicht nötig, meine Mutter kocht gut.» Wie in anderen Lebensbereichen gibt es also durchaus Gründe, über Menschen oder Situationen zu lachen. Was aber die Frage nicht beantwortet, ob auch Gott Humor hat.

Auf der Suche in der Bibel

Sicher haben die meisten Texte in der Bibel eher einen ernsten Hintergrund, denn es geht um den Weg im Glauben, um Frieden und Gerechtigkeit, um den Sinn und das Geheimnis der Welt und des Lebens. Aber Spuren von Humor lassen sich schon entdecken, wenn man Humor so versteht: Es kommt nicht so heraus, wie wir es uns vorgestellt haben oder Menschen reagieren oder verhalten sich anders als erwartet. Das lässt sich auch bei Jesus nachverfolgen. Wenn er von den Frommen als Fresser und Säufer bezeichnet wurde, dann muss er wohl auch bei verschiedenen Festen mitgefeiert haben, wohl kaum todernst, sondern mit Freude und Lachen. Jesus war Mensch wie wir, da können wir uns den Humor gut vorstellen; wir hätten mit Jesus sicher witzige Diskussionen führen und lustige Feste feiern können! Bei Gott aber wird es schwieriger. Bilder in den ersten christlichen Kirchen zeigen Gott als thronenden Herrscher auf dem Thron. Wir verbinden damit Macht und heiligen Ernst. Und wenn im Alten Testament Gott über seine Feinde lacht, ist das schwer zu deuten: Macht er sich über sie lustig, gönnt er ihnen schadenfreudig ihre Niederlage? Es gibt auch andere Spuren: Gott prophezeit Sara, dass sie im hohen Alter noch ein Kind bekommen wird – wissenschaftlich eine lächerliche Vorstellung. Auch Sara lacht, auch für sie unvorstellbar. Gott wendet sich nicht beleidigt ab, er zieht seinen Plan durch. Darum nennt Sara ihren Sohn Isaak, das heisst übersetzt: «Gott lacht». Auch im Buch Jona wird eine komische Geschichte erzählt: Jona läuft weg, will seinen Auftrag nicht erfüllen. Und am Schluss handelt Gott ganz anders als von Jona gewünscht: Er verschont die Menschen in Ninive, sehr zum Ärger von Jona. Wir dürfen uns vorstellen, dass Gott ein Schmunzeln im Gesicht hatte, als er Jona so an der Nase herumgeführt hat.

Ambivalenter Humor

Er hat immer zwei Seiten, der Humor. Wir müssen uns überlegen, worüber wir lachen und wo Lachen keinen Platz hat. Dass antisemitische Witze, auch solche über Christen und Muslime unangebracht sind, ist hoffentlich allen klar, manchen allerdings nur unter Strafandrohung. Das Witzige und Lustige will niemanden beleidigen, sondern die Grenzen der eigenen Sicht aufzeigen. Humor hat etwas Anarchisches an sich, indem es eben die Grenzen der unveränderlichen Regeln und des dogmatischen Denkens übersteigt. Religiöse Fundamentalisten, die sich wieder vermehrt lautstark zu Wort melden, lassen keinen Humor zu; denn sie weigern sich, selbstkritisch zu denken. Sie vergessen, dass wir Menschen nicht fehlerfrei von Gott sprechen können und dass es die grösste Gefahr der Theologie ist: die eigene Meinung mit der göttlichen Sicht zu verwechseln.

Humor als menschliche Haltung

Manche haben die Ansicht, dass ein humorvoller Mensch jener ist, der viel lacht, meistens vergnügt und sicher nicht depressiv ist. Dann wäre das Naturell des Menschen entscheidend: Die einen haben Humor, die anderen keinen. So ist es glücklicherweise nicht. Jeder Mensch verfügt über ein Potenzial an Humor. Dieses aber muss gefördert und entwickelt werden. Was heisst: Humor kann auch erlernt werden. Denken wir an jüdische Witze; in der mittelalterlichen Diaspora und in der Naziherrschaft wehrten sich die Juden mit sarkastischen Witzen gegen das unausweichliche Schicksal: Wir sind zwar das erwählte Volk, aber jetzt sitzen wir im Schlamassel, und Gott hilft nicht. Aber die Gewalt unserer Unterdrücker ist eigentlich lächerlich, wir lachen über sie und glauben daran, dass die Gewalt nicht das letzte Wort hat. So ist es auch befreiend, wenn Kranke in Schmerzen und Leid noch Witze machen, wo wir vielleicht denken, da gibt es nichts mehr zu lachen. Humorlose Menschen müssten uns eigentlich leid tun, aber lieber würden wir mit ihnen lachen. Der griechische Philosoph Aristoteles hat das auch erkannt: Lachen kann zu einer tieferen Erkenntnis der Wirklichkeit führen. Mit Humor können wir auch zu einer entspannten Haltung über uns finden, wunderbar in den Worten von Papst Johannes XXIII. enthalten: «Giovanni (sein Vorname), nimm dich nicht so wichtig.» Und ein erfülltes Lachen wird es dann im Himmel geben, wenn doch das Reich Gottes mit einem endlosen Festmahl verglichen wird. Und so füge ich den bekannten Tugenden wie Weisheit, Rat und Stärke noch eine neue hinzu: Auch Humor ist eine christliche Tugend – gestalten wir unseren Alltag humorvoll und tragen wir dieser menschlichen Qualität Sorge. 

Matthias Rupper
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