Gnadenjahr 2025
Die Nachricht über Fanatismus, Terror und Gewalt prägt die Medien überall in der Welt. Die Geschichte hat die Gefahren der Vermischung von Politik und Religion gezeigt. Es ist wahr, dass der Missbrauch von Macht und Power – ein Dauerthema in Politik und Religion – stets dieses Risiko und diese Gefahr birgt. In diesem Zusammenhang kommt mir das oft zitierte kritische chinesische Sprichwort in den Sinn: Die Politik beutet den Körper des Menschen aus und die Religion die Seele. Auch in der Geschichte Israels können wir hin und wieder diese Gefahr sehen. Es ist sehr bemerkenswert, dass die Erwartung an den Messias auf einen politischen Führer oder König gerichtet war, der das Volk Israel befreien und ein Königreich errichten würde. In diesem Kontext erklärt Jesus sein Manifest oder Programm mit den Worten des Propheten Jesaja: «Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn er hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.» (Lk 4,18-19).
Im Laufe der Sonntage des liturgischen Jahres hören wir in den biblischen Lesungen von den weiteren Aktivitäten und von der Verkündigung Jesu. Wir können vermuten, dass die Art von Königreich, die Jesus verkündete, für viele eine Enttäuschung war. Aber Jesus macht deutlich, dass das, was er predigt und vorlebt, das Reich Gottes ist. Es ist kein politisches Reich, das durch Revolution oder zwanghafte Strukturen politischer Systeme erreicht werden kann. Für ihn geht es um Bekehrung (auf Griechisch Metanoia) – Herzenswandel. Es ist ein Königreich der Gerechtigkeit und des Friedens.
Gleich zu Beginn seiner Mission stellt er klar, dass er ein Gnadenjahr des Herrn ausruft. Das Reich Gottes ist nicht etwas aus eigener Kraft und eigenem Verdienst, sondern aus der Gnade Gottes. Nach der Berufung seiner Jünger im Hinblick auf diese Mission begegnen wir Jesus bei der Bergpredigt (Lk 6, 17-26). Die Verkündigung der Seligpreisungen ist das Manifest oder Programm dieses Reiches Gottes. Es steht im Gegensatz zu den sogenannten weltlichen Seligpreisungen. Die Seligpreisungen Jesu sind eine Einladung, sich als Anhänger eines Königs aufzustellen, dessen Krone nur die Dornenkrone und dessen Thron das Kreuz ist. Die Geschichte zeigt, dass diese Einladung, einem solchen König zu folgen, angesichts des Machtmissbrauchs der Menschen ebenfalls falsch interpretiert wurde. Fast alle Religionen hatten irgendwann in der Geschichte einen Schatten dieses Missbrauchs von Macht und Power. Noch immer zögert die Welt, aus den Lehren der Vergangenheit zu lernen. Der zunehmende Fanatismus und Fundamentalismus sowie religiöser Terrorismus und politische Agenda der Religionen sind klare Beweise dafür.
Die Kirche hat dieses Jahr 2025 zum Heiligen Jahr erklärt. Ich würde dies gerne parallel zum Gnadenjahr sehen, das Jesus zu Beginn seiner Mission verkündet hat. Wir sind aufgerufen, das Königreich der Gerechtigkeit und des Friedens zu leben und zu predigen – durch unser Leben und unser Zeugnis. Papst Franziskus fordert uns alle auf, Pilger und Pilgerinnen der Hoffnung in der heutigen Welt zu sein. Das ist der Weg der Seligkeit für uns in der heutigen Zeit.
