Demenz ist eine Krankheit, die unsere Zeit prägt.Vergesslichkeit ist ein Geisteszustand, nicht nur bei alten, sondern auch jungen Menschen. Vergessen ist auch eine Frage im Glaubensleben und im spirituellen Leben.
In den Schrifttexten der Fastenzeit stossen wir oft auf Klagen der Propheten, die das Volk Israel an seine Vergesslichkeit erinnern. Oftmals hat das Volk Israel die erlösenden Interventionen und die Führung Gottes in der Geschichte vergessen; den Herrn selbst hat Israel vergessen und ist anderen Göttern und Götzen nachgelaufen. Aber der ewige und lebendige Gott vergisst die Menschheit nie. «Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen? Und selbst wenn sie es vergessen würde: Ich vergesse dich nicht.» (Jesaja 49,15-17) Im Johannes-Evangelium sagt Jesus: «Mein Vater wirkt bis jetzt und auch ich wirke.» (Joh 5,17). Die Karwoche und die Osterzeit sind eine besondere Zeit, in der man sich daran erinnert, dass der Herr aktiv ist. Er gedenkt der Menschheit so intensiv, dass er in die Tiefen des menschlichen Lebens und Leidens vordringt, bis hin zum Tod am Kreuz und bis ins Grab. Wir aber haben das Gefühl, dass Gott nicht aktiv ist oder der Vater nicht auf das Leiden und Sterben des Sohnes reagiert. Aber dann, am dritten Tag, nach der Zeit allen Leidens und Wartens, geschieht die Auferstehung. Leiden, Sterben und Begräbnis Jesu Christi und die drei Tage im Zustand des scheinbaren Vergessens führen zu Ostern. Ostern ist dann eine Erklärung dafür, dass die Nöte des menschlichen Lebens, des Leidens, des Todes und des äussersten Wartens einen Platz im Gedenken Gottes an die Menschheit haben. Mit anderen Worten: Ostern ist für mich persönlich die Erfahrung der Erinnerung Gottes an mich, Gottes Antwort auf meine völlige Hingabe und das menschliche Warten auf Gottes Zeit und Plan.
Die Osterzeit ist geprägt von den heiligen Schriften, in denen sich die Jünger und die frühchristliche Gemeinschaft an die erlösenden Worte und Taten Jesu erinnern – manchmal erleben sie diese persönlich und manchmal als Gemeinschaft die Begegnung mit dem auferstandenen Herrn, insbesondere beim Brechen des Brotes. «Tut dies zumeinem Gedächtnis» – das war das Gebot des Herrn für seine Jünger. Die Eucharistie ist in diesem Sinne die Erinnerung des Geheimnisses des Glaubens. Für den heiligen Augustinus ist die Erinnerung das, was er «beata vita» nennt, das «gesegnete oder glückselige Leben», das Glück, das aus der Einheit mit Gott entsteht. Die Eucharistie ist mehr als eine «Erinnerung an Vergangenes». Es macht die historische Realität der Auferstehung Christi und unsere zukünftige Auferstehung jetzt gegenwärtig. Auch in diesem irdischen Leben sind wir in Ihm auferstanden.
Mögen unsere Gottesdienste als Gemeinschaft, unsere persönliche Reflexion und unser Gebet in dieser Osterzeit eine Erfahrung der Erinnerung an das erlösende Eingreifen Gottes und an die Geheimnisse unseres Glaubens sein, damit wir eine Erfahrung des glückseligen Lebens hier und jetzt haben. Mit diesen Gedanken wünsche ich Ihnen frohe Ostern!