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Wie alt ist die Wahrheit auf Erden?

31. Juli 2024
Wie alt ist die Wahrheit auf Erden?
In diesen Tagen fiel mir ein Gedicht in meiner Muttersprache auf, das mit folgenden Worten beginnt: «Der Vogel an der Schwelle des Himmels sang und fragte: Wie alt ist die Wahrheit auf Erden?

Die Frage hallte auf der Erde wider, und die Wellen und Gezeiten der riesigen Ozeane und die Höhen der höchsten Berge konnten keine Antwort geben.» Das Gedicht erklärt sich dann mit der folgenden Deutung: Die Natur und die Götter warteten auf die Menschen, die woanders nach der Wahrheit suchten. Das Gedicht endet dann mit der Bezugnahme auf einen Ausspruch der Erleuchteten: «Die Wahrheit ist auf der Erde mit goldenen Gefässen bedeckt.» (Dichter Vayalar Ramavarma). Die Schrifttexte, die wir in dieser Zeit im Gottesdienst hören, widerspiegeln auch die gleiche Frage: Wie alt ist die Wahrheit? Häufig wird die Geschichte des Volkes Israel und das Ereignis vom Auszug aus Ägypten in den Lesungen als Bezugspunkt herangezogen. Es ist eine grundlegende Tatsache, dass dieSuche nach der Wahrheit davon ausgeht, dass die Grundbedürfnisse des Menschen erfüllt sind. Das Volk Israel murrte gegen Mose und Gott, als es hungrig auf dem Weg in das verheissene Land war. Sobald sie satt waren, hatten die Menschen nur hin und wieder den einen oder anderen Grund, gegen Gott zu murren. Im Evangelium sehen wir dasselbe: «Ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid.» (Joh 6,26). Jesus bezeichnet sich selbst als das Brot des Lebens. In diesem Zusammenhang werden wir an das Wort erinnert: «Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.» (Lk 4,4). Die Worte Jesu, die die Propheten zitieren, verdeutlichen es umso mehr: «Und alle werden Schüler Gottes sein.» (Joh 6,45a) Da sagt er ganz klar, dass die Suchenden zu ihm kommen: »Jeder, der auf den Vater hört und seine Lehre annimmt, wird zu mir kommen.» (Joh 6,45b). Für uns ist dann die wichtige Frage: Was suchen wir? Oder wen suchen wir?

Jesus – Zeuge der Wahrheit

In den Evangelien wenden sich einige Menschen mit der Frage nach Wahrheit an Jesus. Oftmals ist bei den Fragestellern ein Mangel an Offenheit zu sehen – Offenheit des Willens, des Geistes und des Herzens. Im Johannes Evangelium gibt es noch eine wichtige Stelle, bei der Jesus als Antwort zu Pilatus sagt: «Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.» (Joh 18,37a). Darauf fragt Pilatus Jesus, der gefesselt vor ihm steht: «Was ist Wahrheit?» (Joh 18,38a). Pilatus ist ein Symbol für viele, die die Frage nach der Wahrheit stellen, aber die Wahrheit, die vor ihnen steht, nicht erkennen können oder wollen. Durch die Verklärung des Herrn erhalten die Jünger, also die Lernenden, eine wahre Anleitung für ihre Suche: «Dieser ist mein geliebter Sohn. Auf ihn sollt ihr hören.» (Mk 9,7).

Maria als Wahrheitssuchende

Auch das Fest Mariä Himmelfahrt zeigt ein typisches Bild der Wahrheitssuche mit äusserster Offenheit. Bei der Verkündigung stellt Maria dem Engel die Frage: «Wie kann das geschehen?» Doch als sie den Plan Gottes erfährt, für den alles möglich ist, antwortet sie: «Mir geschehe, wie du es gesagt hast.» (Lk 1,26-38). Es war nicht nur eine einmalige Antwort, sondern die Zustimmung zum Gottesplan und die Bereitschaft, den Willen Gottes zu tun. Wer die Wahrheit sucht, braucht eine solche Offenheit. Die Akzeptanz der Allmacht Gottes, der die Wahrheit selbst ist, der dem Mose offenbart hat, «Ich bin, der ich-bin-da» (Ex 3,14) ist eine Grundvoraussetzung für eine echte Suche nach der Wahrheit. Eine solche Suche gipfelt in Seligkeit und Glückseligkeit. Dort erhalten die Lernenden und die Suchenden die Antwort in Erfüllung. Die Aufnahme der seligen Jungfrau Maria in den Himmel ist die Antwort Gottes für einen Menschen, der die Wahrheit nicht nur intellektuell, sondern der die Wahrheit mit seinem ganzen Wesen sucht.

 

Joseph Devasia