Wüste – auf die innere Stimme hören

18. November 2022
Wir treten in den Advent ein. In der Liturgie begegnen uns Menschen, die sich in einer schwierigen Situation für einen Weg entscheiden mussten.

Wir treten in den Advent ein. In der Liturgie begegnen uns Menschen, die sich in einer schwierigen Situation für einen Weg entscheiden mussten. Maria vertraut nicht ihrer eigenen Vernunft, sondern lässt sich auf die Zusage des Engels ein und antwortet ihm: «Mir geschehe, wie du es gesagt hast.» So konnte der Messias zu den Menschen kommen. Johannes der Täufer hat am Jordan seine Bussbotschaft verkündet: «Bereitet den Weg des Herrn! Macht gerade seine Strassen.» Er war überzeugt, dass das Ende der Zeit bald kommen würde und die Menschen dann vor Gott als Richter erscheinen müssten. Seine Worte und sein Auftreten hatten etwas Bedrohliches, also keine friedliche Adventsstimmung. Johannes lebte in der Wüste, weil er dem oberflächlichen Getriebe in den Städten entfliehen wollte.

Ende Oktober war ich mit einer Gruppe auf einer Bildungsreise in Israel. Dabei haben wir die klassischen Orte besucht, wie sie Simone Zierof in der letzten Ausgabe beschrieben hat. Ich füge noch ein paar Eindrücke an, die sich mir eingeprägt haben. Zum Alltagsbild an vielen Orten gehören junge Männer und Frauen, die Militärdienst leisten. «Wir müssen wachsam sein und unser Land verteidigen.» – dieser Gedanke ist omnipräsent in Israel. Dass das Zusammenleben mit den Palästinensern dadurch nicht gelöst ist, ist auch jeden Tag spürbar. Am Jordan waren wir an der Stelle, wo Johannes getauft hat, das war das Zeichen der Umkehr. Wie sich dort erwachsene Menschen – Philippinos und Südamerikaner – in weissen Taufgewändern dreimal untertauchen liessen, mutete seltsam an; war das nun eine Wiedertaufe? Wüste ist das Leitwort im Titel.

Auf der Fahrt durch das Land wird jeden Tag sichtbar, dass Israel ein Wüstenland ist. Aber es ist nicht eine Sandwüste wie in der Sahara, sondern eine steinige karge Wüste. An verschiedenen Stellen haben wir Wüste erfahren: In Qumran, dem Ort, wo die Essener ein abgeschiedenes Leben wie Johannes geführt haben; auf der von Herodes erbauten Fluchtburg Masada, wo tausend Juden ausgeharrt haben, bis um 73 n. Chr. die Römer die Burg erobert und die frommen Juden in den kollektiven Suizid getrieben haben. In der Wüste Negev, dem Grenzgebiet zu Ägypten hin, sind wir mit dem Landrover drei Stunden über Stock und Stein gefahren, nicht zum Vergnügen, sondern um die Wüste als Lebensort zu erfahren. Das führt uns zu Johannes und Jesus, die bewusst die Wüste aufgesucht haben, um auf die innere Stimme zu hören, um sich über ihre Sendung klar zu werden und zu einer klaren Entscheidung zu kommen. Der Advent führt uns symbolisch auch in die Wüste: In der Stille können wir neu entdecken, was wesentlich in unserem Leben ist, wo wir ausgetretene Pfade verlassen sollten, wo die Wüste uns neue Quellen entdecken lässt. Die folgenden Gedanken haben uns in der Wüste Negev begleitet: «Wer die Wüste betritt, dem kann es geschehen, dass vieles in ihm aufsteigt, dass Abgründe sichtbar werden, die sonst gut versteckt sind, dass er über sich selber erschrickt. Ihm kann es aber auch geschehen, dass er neu entdeckt, was wirklich wichtig und was überflüssig ist, dass sein Leben eine neue Orientierung findet, dass er neue Wege und Ziele entdeckt, dass er sich auf seine Wurzeln besinnt, dass er die Dankbarkeit wieder findet, dass die Wüste für ihn zur Quelle wird. Die Wüste, ein lebenswerter Ort. Die Wüste, eine Chance.»

Ich wünsche uns den Mut, im Advent unseren Wüstenweg zu gehen und dabei zu spüren, wie gut uns das tut an Leib und Seele.

Matthias Rupper
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